Der Entschluss

(Vorbemerkung: Diese Geschichte liegt mir sehr am Herzen. Nicht nur weil sie für einen besonderen Menschen entstand, sondern auch, weil sie viele Gedanken enthält, die mich während meiner Patientenbegegnungen als Aushilfe in der Psychiatrie beschäftigten. Sie soll ein erster Versuch sein etwas Längeres zu verfassen.

Wem die passende, stimmungsvolle Musik dazu fehlt, dem sei Ólafur Arnalds empfohlen.

Ihr lagen folgende Begriffe zugrunde: tief sinken, Offenbarung und Käse.)

‚Manchmal sind die Karten schon gelegt, bevor du überhaupt einen Blick in dein Blatt werfen kannst‘, dachte Marie und starrte von ihrem Bett aus an die Decke. Je stärker sie sich darauf konzentrierte, desto heftiger kam ihr das Flimmern der Staubpartikel im Licht zwischen ihr und dem weißen Anstrich vor. Als wäre der Raum mit einer tatsächlich fühlbaren Masse gefüllt, die ihn ausstopfte wie ein Stofftier. Sie war kurz davor schlechter Luft zu bekommen, wie so oft, wenn ihr dieser Gedanke kam. Also klingelte sie rasch nach der Nachtschwester. Zu dieser Uhrzeit fiel ihr einfach alles schwerer: das Schlafen, das Entspannen, sogar das Atmen. Einzig das Träumen verschaffte ihr, im Dunkel ihrer Gedanken, Erleichterung. Erst knipste sie ungeschickt die Lampe auf ihrem Beistelltisch an und versuchte dann mit ihren Zehen die hochgerutschte Decke etwas tiefer zu ziehen.

Eine Stimme drang durch den breiter werdenden Türspalt:

‚Frau Lambert, Sie sind nicht meine einzige Patientin. Zum dritten Mal heute Nacht. Es ist vier Uhr früh, was gibt es denn jetzt noch?‘, bemerkte die Nachtschwester in einem rauen aber nicht ganz und gar unfreundlichen Tonfall.

Die Schwester trug kein Namensschild – das machte Marie immer misstrauisch. Deshalb schwieg sie, verzichtete auf die Tropfen, die ihr das Einschlafen erleichtern würden, und drehte sich zur Wand hin. Die Krankenschwester schnaufte deutlich ermüdet, strich ihr ratlos und in einer bemühten Geste übers Haar und verließ kurz drauf das Zimmer.

Das Flimmern war jetzt zurück. Marie presste die Augen fest zusammen und versuchte ihre aufkommende Angst zu unterdrücken. Es half nichts. Heute Nacht würde sie keinen Schlaf finden. Sie würde um fünf Uhr als eine der ersten Patienten ins Bad gehen und sich im Morgenmantel viel zu früh in den Frühstücksraum setzen. Wenn sie Glück hatte, wäre die Küchenfrau für einen kurzen Plausch zu haben.

‚Diese Nachtschichten müssen aufhören, ich werde ja nicht jünger…‘, dachte Schwester Petra und rechnete im Kopf die wenigen fehlenden Jahre bis zu ihrer Frührente zusammen. Ein letzter Blick fiel auf die unruhige Patientin, dann ging sie von Zimmer 7 den Korridor Richtung Schwesternzimmer zurück. Sie setzte sich auf den knarrenden Drehstuhl, schrieb Patientenakten und trug Medikamentendosierungen in die Kurven ein. Im Hinterzimmer stellte ein anderer Pfleger die Morgentabletten, räusperte sich und verabschiedete sich für einen Moment in den Raucherraum.

‚Warum hier immer alle rauchen müssen?‘, grübelte Petra – ‚Dieser Ort ist doch schon elendig genug, auch ohne den Dunst.‘ In Gedanken versunken schüttelte sie den Kopf darüber.

Fragte sie jemand, ob sie ihren Job gerne machte, musste sie immer kurz innehalten. Beim Überlegen schob sie ihre rahmenlose Brille den Nasenrücken auf und ab und entgegnete stets mit demselben Satz: ‚Ich betrachte es als meine Pflicht den Menschen zu helfen.‘ Dann lächelte sie und verließ meist unter einem Vorwand den Raum. Es war eine Frage, die sie nicht imstande war zu beantworten. Es gab Patienten, die sie ehrlich mochte und es gab die, die sie aufgegeben hatte. Manchmal kam es ihr so vor, als würden alle armen Seelen der Stadt von ihr Erlösung verlangen – Ein Anspruch, dem sie natürlich nicht gerecht werden konnte.

Bei der langsamen Drehung aus dem Bett heraus, hörte Marie zwei Druckknöpfe ihres Krankenhauskittels auf Brusthöhe aufspringen – Doch es war ihr nicht mehr wichtig wie sie aussah. Ihr Erscheinungsbild war ihrem genauen Alter um Jahre voraus. Im Angesicht mit ihrem morgendlichen Spiegelbild regte sich keine Empfindung in ihr. Die struppigen grauen Haare, das Weiß ihrer Augäpfel von roten Äderchen durchpeitscht und die tiefen Falten um ihre Mundwinkel: Sie hatte den Eindruck auf eine leere Hülle ihrer selbst zu blicken, ohne eine Vorstellung davon, was es brauchte um sie je wieder auszufüllen.

Mit 35 Jahren hatte Marie das Gefühl, sie hatte es verlernt, zu verstehen. Oft fragte sie sich, wieso ausgerechnet sie chronisch krank war und warum sie die Dinge, die in ihrem Kopf stattfanden, anderen einfach nicht verständlich machen konnte. Dabei war es so simpel: Alles was sie tun musste, war morgens und abends ihr Medikament zu schlucken. Mehr brauchte es nicht, um nie wieder an diesen Ort hinter Mauern, den sie schon so oft verlassen hatte, zurückzukehren. Mehr nicht.

Sie wusste nicht, wie lang ihr Blick auf dem Glas des Spiegels haften geblieben war, wandte sich von ihrer Reflexion ab und beschloss zu duschen. Eigentlich nur, weil sie die Schwester im Nachtdienst regelmäßig auf ihre fettigen Haare ansprach und sie heute einfach in Ruhe gelassen werden wollte. Wozu sollte sie auch duschen, dachte Marie, wenn es niemanden in ihrer Nähe gab, der ihre Gegenwart ertrug. Jemand, der sie hier besuchen würde, wenn die Dinge wieder schlecht liefen.

Eine Stimme und ein dumpfes Klopfen am Glas der Scheibe des Schwesternzimmers hoben ihren Blick von den Akten.

‚Schwester Petra?‘

‚Es ist erst fünf Uhr morgens Herr Korn. Legen Sie sich noch einmal hin.‘

‚Ich kann nicht‘, sagte er und hatte den Rest des Satzes auch schon wieder vergessen.

‚Frühstück gibt es erst ab sechs Uhr.‘

Herr Korn führte seinen Mittel- und Zeigefinger wie in Zeitlupe V-förmig an die Lippen und tat so, als würde er rauchen. Petra begriff, händigte ihm sein Drehzeug aus dem Fach mit den persönlichen Sachen aus und war froh über die erneut eingekehrte Ruhe. ‚Was ist denn heute nur los?‘, murmelte sie vor sich hin.

Fast vierzig Jahre lang war ihre Person Teil des Alltags in der Psychiatrie – und die Psychiatrie Teil ihres Lebens. In einer Welt, in der die Menschen vergaßen auf sich achtzugeben, versuchte sie sich fast immer akkurat zu schminken. Es hatte etwas Skurriles, wie sie den glitzernden Lidschatten und roten Lippenstift zu ihrem blauen Schwesternkittel trug – und die Patienten nebenbei mit klaren Worten unter die Duschen kommandierte. Sie genoss es, dass ihr hier als Dienstälteste die Kontrolle oblag. Ihr farbenfrohes Makeup hatte für sie immer etwas Hoffnungsvolles gehabt – es war ihr Mittel andere zu erfreuen.

Nur nachts, wenn alle schliefen, kam sie normalerweise ungeschminkt. Die blondierten Haare mit einer Spange über den Scheitel geklappt, doch die Fingernägel stets so bunt lackiert, dass sie selbst von den vielen Goldringen an ihren Fingern ablenkten.

Sie dimmte das Licht und betrachtete auf dem eingeschlafenen Bildschirm des Computers ihre vage Reflexion. Da sie sich unbeobachtet fühlte, tastete sie mit der Fingerkuppe an ihrem rechten Auge entlang und legte versehentlich unter der dicken Make-up-Schicht einen blau-violetten Farbton frei. Sie zuckte vor Schmerz und beschloss neuen Puder aufzulegen.

Nach der Dusche huschte Marie im Morgenmantel in den Speisesaal. Ihr Bett ließ sie ungemacht zurück. Die Schwestern hatten dort über Nacht das Fenster aufgelassen. Sie fröstelte und zog den Gürtel um ihre Taille enger. Marie saß am liebsten in der hintersten Ecke mit Blick auf das Geschehen. Sie nahm dort Platz und ihre vom Rauchen vergilbten Fingerspitzen spielten unruhig mit einer Serviette.

Sie hatte schon oft über den Tod nachgedacht. Er war ihr heimlicher, unsichtbarer Begleiter. Wie ein Liebhaber, nach dem sie sich sehnte, doch ohne die Courage aufzubringen, ihm gegenüberzutreten. Also schluckte sie die geringste Menge an Tabletten, von denen ihr Mund schäumen würde und sie schnell ihr Bewusstsein verlöre. Kurz davor wählte sie die 112, meldete ihr Vorhaben und ließ die Wohnungstür einen Spalt auf. Vom letzten Mal hatte sie immer noch offene Rechnungen beim Schlüsseldienst Wutzke. Marie wusste, dass Feuerwehrmänner nicht nur für schöne Frauen aus Filmen die Türen eintraten, sondern auch für jemanden der krampfte und Schaum vor dem Mund hatte, wie sie selbst. Als sie in der Klinik aufwachte, war ihr Magen bereits ausgepumpt, ihre Hände lagen in Schlingen, die am Bettgestell befestigt waren, und die Medizin hatte sie sehr müde gemacht.

Das war vier Wochen her. Es ging ihr nicht besser. Schlechter aber auch nicht.

‚Sind wir hier auf dem Jahrmarkt? Wieso sind denn heute alle so früh wach?‘, fragte Petra in Richtung des Pflegers, als sie einen anderen Patienten schlurfend und wankend in Richtung des Speisesaals gehen sah. Der Pfleger reagierte nicht, wippte stattdessen rhythmisch mit dem Kopf zu den Beats, die aus seinen Kopfhörern klangen.

Seine gleichgültige Antwort erinnerte sie plötzlich an ihr eigenes Zuhause. In Petra Siewerts Beziehung regierte das Desinteresse. Passioniert wurde es nur, wenn ihrem Mann die Hand ausrutschte. Das war über die Jahre zwar nicht monatlich passiert, aber häufig genug, um ihr Arsenal an Schminktricks und Alltagsausreden auf einen beeindruckenden Stand zu bringen.

Sie hatte sich in diese Rolle gefügt. Die Frau, deren barschem Tonfall selten ein Patient zu widersprechen wagte, hatte ihre burschikose Art Zuhause aus der Hand gegeben. Es war einfach so passiert. Vor langer Zeit. Manchmal fragte sie sich, zu welchem Zeitpunkt sie in ihrem Leben zu straucheln angefangen hatte? Dabei wusste sie eigentlich, dass ihr Problem nie die falschen Entscheidungen gewesen waren, sondern nur die, die sie nie getroffen hatte.

Schwester Petra öffnete den Deckel ihres Jogurts und las beim Löffeln in den Akten. Sie hatte schon immer gerne Krimis gelesen, war seit Jahr und Tag ‚Tatort‘-Fan und genoss alles, das ein Spannungsmoment enthielt. Vielleicht wollte sie auch deshalb nie als gewöhnliche Krankenschwester arbeiten. ‚Marie Lambert‘ stand auf dem Aktendeckel. ‚Geburtsdatum: 3.9.1978‘ – sie stockte, verglich das Datum mit dem ihres Tischkalenders und begriff, dass Marie Lambert heute Geburtstag hatte. Für einen Moment überlegte sie, zurück auf Zimmer 7 zu gehen um sich zu entschuldigen, doch ihre schmerzenden Füße hielten sie letztlich davon ab. Die Augen der Krankenschwester überflogen die wichtigsten Details der Seiten: ‚Chronische Depression, ausgelöst durch frühkindliche Vergewaltigung durch nahestehenden Verwandten… Nach Selbstauskunft wird das abgebrochene Ingenieursstudium als lebenslanges Scheitern empfunden… Keine Notfallkontakte vorhanden… Suizidversuch durch geringe Tablettenüberdosis (allerdings abgestritten)…‘.

Es kam ihr so vor, als teilten viele ihrer Patienten, die über die Jahre in der Einrichtung verweilt hatten, zu großem Teil Marie Lamberts Biografie. Weil ihnen so viel Schlechtes in jungen Jahren widerfahren war, betrachtete Schwester Petra die meisten von ihnen als ‚Kinder‘ – sie waren verängstig, brauchten Zuwendung und wussten nicht mehr weiter. Was sie an der Nachtschicht über all die Jahre lieben gelernt hatte, war das Gefühl, dass die gequälten Seelen in den Stunden zwischen 23 Uhr und 6 Uhr früh Ruhe und Entspannung fanden.

Bei ihren Rundgängen schnarchten besonders die Männer so laut und inbrünstig im Takt, dass es fast etwas Hypnotisches und Ermüdendes hatte, ihnen dabei zuzuhören. Die Frauen fand Schwester Petra in den absurdesten Schlafpositionen vor: beide Beine aus dem Bett hängend, in Schneeengel-Pose oder gekrümmt wie ein Igeljunges. Der ein oder andere Schlafanzug auf halb acht gerutscht.

Eines hatten alle gemein: die Stirnfalten, die vor wenigen Momenten Spiegel der Inneren Anspannung waren, lagen geglättet oberhalb der Brauen. Die Wimpernkränze, unter denen sich sonst eine dünne Salzschicht befand, ruhten übereinander und zuckten ab und an. Im Schlaf hatte der Selbsterhaltungstrieb des Körpers die Wirren der Gedanken eingefroren und den Patienten Erlösung auf Zeit verschafft.

Die Küchenfrau schob den Wagen mit Aufschnitt und Käse in den Speisesaal. Marie stand auf, schenkte sich mit zittriger Hand eine Tasse Kaffee ein und legte sich 9 Scheiben Gouda-Käse auf den Teller. Etwas anderes wollte sie nicht. Der einzige Vorteil, den das frühe Aufstehen hatte, war, dass das Essen noch frisch und unberührt war. Ihre Mitpatienten ekelten sie an: Herr Feucht, zum Beispiel hatte immer Dreck unter den Nägeln, Frau Geduldt hing häufig ein Spuckefaden aus dem Mundwinkel, den sie erst bemerken würde, wenn er sich bereits auf den Aufschnitt abgeseilt hatte und Herr Kugellitzsch aß mit seinem verklebten Mund die zehnfache Menge eines Erwachsenen und spuckte noch dazu beim Reden. Einzeln aufgerollt ließ Marie langsam die Käsescheiben in ihrem Mund verschwinden und spülte sie mit Kaffee runter. Sie hasste Kaffee – doch ohne ging es heute nicht.

Ein Schlurfen auf dem Gang gewann ihre Aufmerksamkeit. ‚Nicht mal an seinem Geburtstag kann man in Ruhe frühstücken‘, dachte sie empört und knabberte weiter an ihrem Käse. Auch wenn alles andere in ihrer Erinnerung dabei war an Form zu verlieren, Zahlen konnte sie schon immer gut behalten. Es war der 3. September – Und wie jedes Jahr hatte sie jetzt schon genug von diesem Tag.

Marie ließ den Teller stehen, ignorierte das ‚Hallo‘ ihres Mitpatienten und ging zurück in ihr Zimmer. Vor der gesicherten Fensterscheibe blickte sie in den Garten – noch war der Himmel blau und die Luft klar. Also beschloss sie eine Runde spazieren zu gehen. Nicht für Lang, aber Ausgang zurück in ihre Wohnung hatte sie noch nicht. Was blieb ihr also anderes übrig?

Schwester Petra war kurz davor abgelöst zu werden und endlich in ihr frisch bezogenes Bett zu schlüpfen. Sie sehnte sich nach Ruhe. Nur die Übergabe musste sie noch zu Ende bringen. Sie hob ihr Namensschild von der Schreibtischunterlage auf, betrachtete die abgebrochene Nadel und steckte sie in ihre Handtasche. Die anderen Schwestern trudelten nacheinander ein und wirkten noch verschlafen. Als alle eine Tasse Kaffee vor sich hatten, begann Petra damit die Vorkommnisse der Nacht zu erläutern.

Mit einem altmodisch bestickten Pullover und einer braunen Hose schritt Marie an der Kanzel vorbei und signalisierte den Schwestern durch eine Handbewegung, die Tür zu öffnen. Das Klacken der Entsperrung forderte von ihr einen Druck auf die Türklinke, den sie kaum durch zu setzten vermochte. Sie fühlte sich schwach und immer noch müde.

Auf dem Steinweg durch das Grün, lief sie wie auf Schienen, die sie vom Betreten des Rasens abhielten. Nach ihrer gewöhnten Runde durch den Garten, vorbei an der Lavendelrabatte und dem kleinen Goldfischteich, setzte sie sich auf eine Bank und begann zu rauchen. Wenn sie rauchte, war sie beschäftigt. Abgelenkt. Für einen Moment übernahm ihre Motorik das Ruder und der Rest ihres Körpers gab Ruhe. Es war noch früh. Lediglich ein älterer Türke lief über den Pflasterweg. Als er näher kam, fiel Marie auf, dass er nie auf die Rillen im Weg trat. Ein Spiel, das sie als Kind öfter gespielt hatte und das sie glücklich gemacht hatte – bevor sie so traurig wurde. So traurig, dass sie nicht mehr zur Uni ging, es später nicht mehr ins Restaurant zur Arbeit schaffte und dann dem Sozialarbeiter nicht mal mehr die eigene Wohnungstür aufzumachen in der Lage war. Wie tief ich gesunken bin, kreuzte es ihre Gedanken.

‚Sie da! Frau von andere Station. Geben Zigarette?‘

Es war ihr egal. Sie reichte ihm die Schachtel hin und gab ihm ihr Feuerzeug. Dann setzte er sich neben sie.

Jetzt begann er sie zu stören.

‚Sie allein? So früh?‘

Marie hoffte, ihr Schweigen würde ihm die Lust am Gespräch verderben.

‚Nicht gut? Krank? Wir hier doch alle krank.‘ Er lachte als würde es ihm nichts ausmachen.

‚Müde? Ich schlafen zehn Stunden Nacht. Immer. Auch gut, keine Träume mehr.‘

‚Sie träumen nicht mehr?‘, fragte Marie im Flüsterton.

‚Medikament stark. Macht tiefe Schlaf. Ich lieber wach in Leben als in Traum.‘

‚Ich träume gern. Es ist das Einzige, das ich noch gern tue‘, sagte sie immer noch in sich gekehrt.

‚Was du träumst?‘

Obwohl sie es nicht wollte, hatte der Alte sie in ein Gespräch verwickelt, das anfing ihr zu gefallen.

‚Ich kann es nicht genau sagen, ich vergesse in letzter Zeit so viel. Ich weiß nur, dass ich dabei glücklich bin. Wenn doch nur das Aufwachen nicht wäre‘.

Und dann verstummte sie wieder und fragte sich, was sie in 35 Jahren Existenz auf dieser Welt vorzuweisen hatte? Sie lebte allein in einer heruntergekommenen Einzimmerwohnung in Berlin-Charlottenburg. Sie bekam selten Besuch und ihr Briefkasten war voll mit Rechnungen oder Mahnungen. Sie hatte in ihrem ganzen Leben noch nie eine Postkarte bekommen – weder eine verschickt. Ihr Herz zog sich zusammen. Auf einmal fühlte sie sich mutterseelenallein in einer Stadt voller Menschen.

Der Alte bemerkte ihren verdunkelten Gesichtsausdruck und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

‚Nicht du traurig sein. Morgen besser‘.

Marie wollte kein Morgen mehr. Sie war müde. Schon so lang.

Obwohl sie nicht religiös war, fragte sie sich manchmal im Stillen, ob Leben, das nie lebendig auf der Welt herumspaziert sondern davor stirbt, eigentlich eine Art Seele oder Wahrnehmung hatte? Dann stellte sie sich vor, wie sie nicht die Eizelle ihrer Mutter gewesen wäre, die das Spermium ihres Vaters befruchtete. Sie wäre lieber die davor oder die danach gewesen. Eine knapp verpasste Chance, ohne ihr Zutun, aus den Händen gerissen. Als diese Eizelle hätte sie einfach absterben können, von allein wäre sie abgestoßen worden und hätte aufgehört zu existieren. Und wenn diese Eizelle eine Seele gehabt hätte, dann wäre sie einfach so, zack zack, in den Himmel gekommen, und, sie wagte es kaum daran zu denken – glücklich und erfüllt geworden.

‚Nicht träumen. Aufwachen!‘, sagte der Alte, immer noch auf der Bank neben ihr. Marie war für einen Moment weggenickt und erschrak über die fremde Stimme in ihrem Ohr.

Dann kam ihr eine Offenbarung: Wenn der Alte bewusst entschieden hatte, nie mehr zu träumen, konnte sie sich auch gegen das Aufwachen entscheiden. Sie hob einen Mundwinkel und blickte dankend in die Richtung des Alten. Der spielte, auf einer billig gemachten Kopie des neuen Nokia Smartphones, irgendein Spiel, bei dem man Bälle gruppieren musste.

Jetzt war Marie wie beschwingt: ‚Darf ich mal kurz was nachlesen?‘, fragt sie ihn höfflich.

‚Klaro!‘ gab er zurück.

Sie surfte durch ein paar Foren und googelte eine Reihe unterschiedlicher Medikamente – in 5 Minuten hatte der Mann sein Telefon zurück. Sie bedankte sich und ging zurück auf die Station. So lebendig hatte Marie sich lange nicht mehr gefühlt.

Schwester Petra hatte gerade die Übergabe beendet. Die anderen warfen noch kurz einen Blick auf ihre Telefone und gingen dann an die Arbeit. Frühstücksbrote mussten geschmiert werden, Patienten gewaschen und Therapien vorbereitet werden. ‚Es ist ein Tag wie jeder andere‘, dachte Petra und schlang schon das geblümte Tuch um ihren Hals, bereit den Nachhauseweg anzutreten. Da klingelte es erneut aus Zimmer 7.

Jetzt musste alles schnell gehen. Marie kritzelte etwas auf ein Stück Papier und steckte es in ihre Schreibtischschublade. Zwei der vier Schwestern waren immer noch damit beschäftigt, die Patienten zum Frühstück zu holen. Eine würde Brote für die Bettlägerigen schmieren und eine saß im Schwesternzimmer. Die galt es abzulenken. Sie drückte die Klingel an ihrem Bett, drei Mal lang und spurtete in das gegenüberliegende Zimmer auf dem Gang. Als die schnellen Schritte der Schwester passierten, öffnete Marie die Tür und rannte ins Schwesternzimmer. Ein Pantoffel blieb in der Hast auf dem Gang liegen.

Da die Türen keine Schlösser hatten, musste sie etwas finden, um sie von innen zu blockieren. Es war ihr Geburtstag und sie hatte ein Recht auf Ungestörtsein. Ein klobiger Aktenschrank auf Rollen bot sich an, verkeilt mit einer feststellbaren Liege.

Als das Bett, das sie aufgesucht hatte, leer war und auf dem Gang schnelle Schritte hallten, flüsterte Petra wie im Schreck gefangen: ‚Die Tür…‘. Übermüdet und im Gedanken schon fast Zuhause hatte sie die Tür zum Schwesternzimmer offen gelassen. Instinktiv zog sie die Alarmschnur an ihrem Pieper und hastete zurück. Mit all ihrer Kraft drückte die fast 60-Jährige gegen die Klinke, doch nichts tat sich. Auf ihre hilflosen Rufe und das Alarmsignal kamen Schwestern und Pfleger von allen Stationen zusammen. Die stärkeren Männer und der Hausmeister versuchten hilflos die verbarrikadierte Tür zu öffnen.

Unter dem Lärm von Rufen und Klopfen ging Marie zielstrebig auf den Medikamentenschrank zu, stellte sich zwischen die Türen, damit sie durch die gläserne Kanzel hindurch nicht gleich zu entdecken war – und suchte. Wonach, das hatte sie vorhin nachgeschlagen: Diazepam-Schlaftabletten. Das Hämmern der Fäuste gegen die Glasscheibe der Kanzel drang nicht mehr zu Marie durch; Sie wusste, sie würde nicht sterben – immerhin war heute ihr Geburtstag.

Schwester Petra stand indessen vor der Kanzelscheibe und sah wie gelähmt dabei zu, wie jemand im Medikamentenschrank wühlte. Dann trat Marie Lambert vor der Schranktür hervor, blickte ihr in die Augen, und schluckte alle Pillen, die aus der weißen Plastikhülse in ihren Rachen kullerten. Petra sah durch die Scheibe, wie die Hand der Frau vom Schrankgriff abrutschte und ihr Körper innerhalb weniger Minuten leblos in sich zusammensackte – ihre eigenen Worte hallten in ihrem Kopf nach: ‚Frau Lambert, Sie sind nicht meine einzige Patientin. Zum dritten Mal heute Nacht‘. Jetzt würde Marie Lambert nie wieder nach ihr klingeln, dachte sie still und von Vorwürfen geplagt.

‚Sind Sie in Ordnung?‘, fragte einer der Feuerwehrmänner Schwester Petra, die auf einem Stuhl saß und mit ihrer Fassungslosigkeit rang. Sie nickte ungläubig.

‚Wir packen dann jetzt wieder ein‘, hörte sie ihn noch sagen, bevor sie langsam aufstand.

Alles hatte nur Minuten gedauert. Vor ihren Augen war alles so abgelaufen, als wäre es nur eine Theateraufführung und sie ein unbeteiligter Zuschauer im Publikum: Die Äxte der Feuerwehrmänner, die sich durch das Holz der Tür schlugen und den Aktenwagen demolierten, der Sanitäter, der zu der krampfenden Frau auf dem Boden rannte und ihre Halsschlagader nach einem Puls absuchte und die Schwestern, die die Wiederbelebungsmaßnahmen einleiteten. Dann war sie ohnmächtig geworden.

Als sie ihre Augen öffnete, schien grelles Licht durch das Fenster. Marie spürte die raue Baumwolle des Krankenhausschlafanzugs auf ihrer nackten Haut und erkannte eine Silhouette im Lichtschein. Ein hübscher Mann in ihrem Alter stand neben ihr und lächelte über das ganze Gesicht – ungläubig sah sie ihm in seine feuchten Augen. Liebevoll strich er ihr das lange, schwarze Haar von der Schulter und küsste sie auf die Stirn: ‚Darf ich ihn auch mal halten?‘, fragte er behutsam.

Marie hatte Probleme ihm zu folgen. Erst jetzt bemerkte sie einen Widerstand auf ihrer Brust – wo früher Angst und Sorgen auf ihr lasteten, lag jetzt ein warmer Säugling. Schutzbedürftig, abhängig und schöner als alles, was sie je gesehen hatte.

‚Einen Moment noch‘, sagte sie und begann den kleinen Menschen auf ihrer Körpermitte zu begutachten – dann zog sie ihn nach oben und drückte ihn an ihr feuchtes Gesicht, bis sie vor Müdigkeit die Augen schloss.

Sie erwachte in einem großen Himmelbett. Nur fühlte sie sich etwas beengt. Fremde, nackte Körper rekelten sich auf ihrem Laken. Maries Äußeres war wieder Mitte zwanzig. Sie lag auf der Seite und genoss das Gefühl eines Mannes, der sich von hinten an sie anschmiegte und sie streichelte. Sie schmeckte den salzigen Schweiß auf ihren Lippen und verlor sich in wohliger Entspannung. Dann spürte sie ein anderes Paar Lippen auf ihrer Brust. Vorsichtig ließ sie ihre Handflächen die dunkle Umgebung ertasten und erschrak, als sie zwei Männerkörper in ihrer direkten Nähe ausmachte. Beide begehrten sie – ein Gefühl das Marie bis dahin fremd gewesen war.

Wieder fiel sie in einen tiefen Schlaf, erwachte und hatte das inständige Bedürfnis das Fenster zu schließen. Die Männer waren fort. Sie stand auf, realisierte erst jetzt, dass sie ein langes Sommerkleid trug und auf dem Gleis eines Bahnhofes auf einen Zug zu warten schien. Als die Lok einfuhr, spielte sie wider ihrer Gewohnheit nicht mit dem Gedanken, sich davorzuwerfen. Sie konnte nicht beantworten, ob sie verreisen wollte oder auf jemanden wartete. Doch in ihr machte sich ein Gefühl von Vorfreude breit, das sie ausfüllte und ihre Mundwinkel spannte.

Plötzlich zog ein Sturm auf. Der Wind war so stark geworden, dass sie die Augen schließen musste. Ihr war, als würde ihr Gesicht von vorbeifliegenden Blättern gestreift. Als der Widerstand vor ihrem Gesicht nachließ, sah sie vor sich einen Stapel Papiere, offizielle Schreiben unter denen ihre Unterschrift stand. Sie saß in einem Büro, auf ihrem Schreibtisch standen Familienporträts und eine gerahmte Kinderzeichnung. Die Menschen, die sie auf den Bildern umarmte, erkannte sie zwar nicht, fühlte sich aber mit ihnen verbunden. Dann betrat ein Mann im Anzug den Raum. Er wirkte verhalten, räusperte sich und brach wie aus dem Nichts in ausgelassenes Gelächter aus. Irritiert sah Marie in seine Richtung. ‚Frau Lambert, wir haben den Auftrag und das verdanken wir ihnen! Das ist doch ein Grund zum Anstoßen! Kommen Sie!‘ Freudestrahlend nahm er ihre Hand und zog sie durch die Tür.

Auf der anderen Seite des Raumes war der Anzugträger verschwunden. Sie hielt eine knöcherige, von Altersflecken übersäte Hand in ihrer. Ihr Blick fuhr über den alten, dürren Arm und blieb auf ihrer eigenen Brust haften. Nicht sie, sondern eine junge Krankenschwester hielt die vom Alter gezeichnete Hand. Marie war plötzlich alt. Sie wurde zu einem Gartenstuhl gebracht und nahm dort Platz. Trotz ihrer gebückten Haltung hatte sie keine Schmerzen. Ihr Kopf war voller lebhafter Erinnerungen an ein ausgefülltes Leben – voller Freude und Trauer und Glückseligkeit. Sie blickte auf den kleinen Garten und ließ vor ihrem inneren Auge die Bilder ihrer Erinnerung passieren. Gebannt verfolgte sie Episode um Episode, die wie in Daumenkino-Zeitraffer aufeinander folgten.

Petra Siewert hatte am Morgen des 3. Septembers in ihrer gefühlten Ohnmacht beschlossen, ihre Arbeit in der Psychiatrie aufzugeben. Es war sie gewesen, die Marie Lamberts in Eile gekritzelte Patientenverfügung in der Nachttischschublade gefunden hatte: ‚Unter allen Umständen alle lebenserhaltenden Maßnahmen aufrechterhalten‘, stand auf dem unterzeichneten Papier.

Sie wollte nicht Tag für Tag an ihr Scheitern, ihre Nachlässigkeit und ihre eigene Fehlbarkeit erinnert werden. Obwohl sie wusste, dass sie nicht die Schuld trug, sondern Marie Lambert und die Ballung der Umstände, ließ sie die Geschichte des Zimmer 7 nie vollends los. Ihre Patientin war in ein Wachkoma gefallen und würde sich davon nicht mehr erholen. Petra Siewert tat, was sie immer tat, wenn es schwierig wurde: Sie blendete alles aus.

Bis zu dem Tag, als ihr Mann starb. Halbherzig und verbittert hatte sie eine Beerdigung für die Verwandten organisiert, auf die sie nicht zu gehen gedachte. Jeder Tag des Zusammenlebens mit ihm hatte ihr Kraft abverlangt, deren Fehlen sie nun selbst um wertvolle Lebensjahre bringen würde.

An einem regnerischen Nachmittag im September besuchte sie Marie Lambert, die schon vor Jahren in ein anderes Krankenhaus am Stadtrand verlegt worden war. Das karge Krankenzimmer enthielt keinen einzigen persönlichen Gegenstand. Der Körper der Komatösen wirkte wie eine von Efeu umschlungene Statue: Schläuche drangen aus Mund und Nase, durch einen Katheter floss Harnflüssigkeit in einen Beutel, der am Bett befestigt worden war. Die Patientin Lambert kam ihr eingefallen vor, ihre Haare waren grauer geworden, sonst wirkte ihr Körper einfach still und ruhend. Sie lauschte für einen Moment der Beatmungsmaschine und betrachtete die Flüssignahrung, die Marie bekam.   

‚Es war wohl das Mutigste, das Marie Lambert je in ihrem Leben getan hatte‘, kreuzte es ihre Gedanken. Und für den Bruchteil einer Sekunde wünschte auch sie sich Maries Entschlossenheit.

Die Idee im Koma zu liegen, hatte für sie trotzdem nicht den Hauch von Romantik. Sie kannte den körperlichen Verfall der Patienten, wusste um das schrittweise Versagen der Organe und Hirnregionen. ‚Es muss ein schmerzvoller Tod sein – gefangen im eigenen Körper, wie in einem Sarg‘, dachte Petra. Und obwohl sie wusste, dass der Tod, das biologische Ende des Organismus war, wehrte sie sich gegen diesen Gedanken. Gegen ihre eigene Endlichkeit. Vielleicht weil sie noch nicht soweit war.

Erst jetzt, nach dem Ableben ihres Mannes, hatte sie das Gefühl frei von den Mauern geworden zu sein, die sie ihr Leben lang in ihre Schranken verwiesen hatten. Vielleicht war ihr Mann auch nur ein Vorwand für ihr eigenes Unvermögen gewesen, sich selbst ein besseres Leben aufzubauen. Doch das alles zählte jetzt nicht mehr. Der Vorwand lag zweieinhalb Meter tief unter der Erde.

In der Nähe der Bettlägerigen überkam sie plötzlich ein Gefühl von Entschlossenheit und Nähe. Sie strich ihr mit der Hand über die Stirn und sah sie lange an.

‚Alles Liebe zum Geburtstag. Schlaf gut, Marie‘, flüsterte sie ihr ins Ohr, strich noch einmal über ihr Haar und ging dann zur Tür hinaus.

 

Ein paar Wochen später brannte neben Marie Lamberts leerem Bett eine kleine Kerze.

Daneben stand eine Postkarte.

 

Die beiden Anderen

Auf der Suche nach Parallelen: Brunnenstraße 65 - denn die 67 war unauffindbar. Fangnetze, ja. Primeln, nein.

Auf der Suche nach Parallelen: Brunnenstraße 65 – denn die 67 war unauffindbar. Fangnetze, ja. Primeln, nein.

‚Stell dir vor, du stirbst, und niemand kommt um nach dir zu suchen?‘, dachte Mia erschüttert und drehte den Wasserhahn zu. Ihre nackten Fußsohlen senkten sich seicht auf den Grund der Badewanne. Sie ließ ihren schweren Körper untertauchen, bis die Snakebites ihrer Unterlippe auf die Wasseroberfläche trafen. Dann brachten die salzigen Tränen die bunten Schaumbadbläschen an ihrem Kiefer zum Zerplatzen.

An einigen Tagen tauchte Mia einfach unter. Ging morgens eine Runde um den Block anstatt in die Schule, bis sich ihre Mutter ganz sicher auf den Weg zur Arbeit gemacht hatte. Dann hatte sie die Zwei-Zimmer-Wohnung in der Brunnenstraße auf einmal ganz für sich allein. Sie schlüpfte aus den engen Röhrenjeans, die ihre Oberschenkel in Falten zwangen, schmiss den weiten Pulli auf ihr Bett und verschanzte sich im Bad. Jetzt konnte nichts mehr passieren. Sie sehnte sich nach dem warmen Wasser der Badewanne, wenn ihr alles zu viel wurde. Ein unerklärliches aber unverrückbares Bedürfnis, das zu einer Gewohnheit geworden war.

Im Erdgeschoss der Brunnenstraße 67 goss Herr Haselmann jeden Morgen zur gleichen Zeit seine Primel-Blumenkästen. An sonnigen Tagen strich er behutsam über die neuen, hellgrünen Triebe und raunte  Komplimente in deren Richtung. Dann richtete er das Fangnetz vor seinem Balkon so, dass Felix, seinem getigerten Kater, keine erneute Chance zu außerhäuslichen Erkundungen gegeben wurde. Die Freigänger-Katze hatte den letzten Ausflug mit einem Stück Schwanz bezahlt. Geblieben war nur ein kümmerlicher Stummel, der Felix‘ After ungünstig ins Rampenlicht setzte. Herr Haselmann nahm an seinem runden Gartentisch, mit der geblümten Tischdecke, Platz, trank einen Schluck türkischen Kaffee und schaute auf die Straße hinaus. ‚Dieses Mädchen ist doch gerade erst gegangen ‘, murmelte er. ‚Die hat doch Schule‘, dachte er fast fürsorglich, und zupfte sich nebenbei ein Katzenhaar von der Strickjacke. Dann pflegte er mit der ritualisierten Lektüre der Morgenzeitung zu beginnen und gleichzeitig den Kater zu kraulen.

Es war zehn Uhr morgens als der Blick aus Mias glasigen Augen auf die beschlagene Fläche des Spiegels traf. Mit einer hastigen Handbewegung wischte sie einen Spalt auf dem Glas frei, der nur ihre blauen Augen hindurchblitzen ließ. Sie badete stets so, dass ihr Make-up unangetastet blieb. Der starke Lidstrich, der Kajal, selbst der graue Lidschatten – alles noch intakt. Ihr Blick intensivierte sich noch. Sie starte auf ihre Pupillen und den Lichtkreis, der die Iriden umrandete. ‚Ich. Bin. Hübsch‘, flüsterte sie Wort für Wort. Dann zogen ihre Fingerspitzen säuberlich, von oben nach unten, zarte Linien auf dem Spiegelglas. Der Ansatz ihrer schwarz gefärbten Haare kam zum Vorschein, ihre breiten Nasenflügel und die Falte ihres Doppelkinns. Die kurz empfundene Euphorie wich Enttäuschung. An sich herunterschauen wollte sie heute nicht – stattdessen griffen ihre Finger beherzt in die große Falte ihres Bauchs und drückten auf ihr herum, als wäre sie kein Teil von ihr. Auch die Waage von ihren Staubflocken zu befreien, um eine konkrete Zahl vor Augen zu haben, gegen die sie den Tag über anessen konnte, schien ihr jetzt zu mühsam. Bevor sie das Bad verließ, kontrollierte sie, dass die Klinge ihres Hornhauthobels noch da war. Nicht, dass sie sich umbringen wollte, sie mochte nur die Sicherheit, dass sie es konnte, wenn sie es vorgehabt hätte. So wie Leute, die immer die Adresse des nahegelegensten Tätowierers kannten und sich im Fall der Fälle auf geometrische Formen oder auf um einen Anker geschwungenen Hibiskus als Motiv einigen konnten.

Gegen 12 Uhr mittags schritt Herr Haselmann in die kleine Küchenzeile um sich ein Brot zu machen. Seit Marie vor ein paar Jahren gestorben war, hatte er nie den Elan gefunden, für sich selbst zu kochen. Es zumindest zu lernen. Und so kaute er Toast mit Teewurst ohne Rand – ungeschickt garniert mit dicken Senfgurken.

Eine Etage über ihm schlurfte Mia, immer noch im Bademantel, in die Küche. Das von ihrer Mutter besorgte Mikrowellenessen ließ sie im Klo verschwinden und schmiss die Plastikverpackung in den Grünen Punkt. Dann griff sie zu Eiern, frischem Schnittlauch, Pilzen und Speck und bereitete sich, auf derselben Sorte Toast wie Herr Haselmann sie nutze, ein vorzeigbares Frühstück zu. Die Grenze zwischen Genuss und Muss hatte sich bei Mia schon vor Jahren verschoben: Als Worte wie ‚mollig‘ und ‚rund‘ selbst von Verwandten nicht mehr niedlich gemeint waren. Hatte sie sich im Griff, konnte ihr das Kochen Abhilfe schaffen. An anderen Tagen fraß sie, bis sie brechen musste.

Abends wollte sie für ihre Mutter, die müde aus dem Büro zurückkommen würde, eine Quiche zubereiten – Schule schwänzen machte ihr immer noch ein schlechtes Gewissen. Eier, Zwiebeln, Teig, Creme Fraîche, Schinken und Lauch hatte sie aus den Schalen der Regale schon auf dem Küchentisch versammelt. Dann fiel ihr auf, dass sie mit den letzten Salzkrümeln ihre Eier gewürzt hatte. Geld ließ ihre Mutter nicht mehr da. Denn seit Mia die Schule mied und sie die Nachricht des Klassenlehrers nicht rechtzeitig vom Anrufbeantworter gelöscht hatte, vertraute ihre Mutter ihr weniger als zuvor. Dann fiel ihr der alte Rentner unter ihnen ein, der immer an den Blumen rummachte, wenn sie auf ihrem verfrühten Nachhauseweg war.

‚Felix, gleich, jetzt, lass mich doch erst mal…‘, das Klingeln der Haustür unterbrach den Fütterungsprozess von Herrn Haselmanns wohlgenährtem Kater, der sich trotz seines Umfangs wie eine Schlange durch die Beine des alten Mannes ringelte. Stolpernd bahnte sich der Hausherr den Weg durch die Wohnung. Es klingelte erneut.  ‚Ich komme ja schon‘, rief er gehetzt. Vor ihm stand das dicke Mädchen, das seinen Augen schon vertraut war. ‚Guten Tag. Haben sie Salz?‘, fragte Mia und tippelte mit ihren Füßen auf und ab. ‚Bestimmt‘, sagte er kurz angebunden und bat sie in die Wohnung. ‚Setzen sie sich doch kurz hin, ich muss das Salz erst suchen. Meine Frau hatte es immer ganz hinten im Schrank. Salz ist ja auch nicht so gesund. Wir haben keins mehr benutzt…‘. Herr Haselmanns Stimme verlor sich in der Küche. Er stammelte nervös vor sich hin, weil er seit Jahren keinen Besuch mehr gehabt hatte. Die Wohnung war nicht unordentlich, nur eingestaubt – und unverändert.

Mia nahm auf der eingesessenen Polstercoach Platz und spürte, dass die Ausmaße ihres Pos über die eingedrückte Kuhle hinausgingen. In einem Körbchen neben dem Tischbein lagen Wollknäule und ein angefangenes Strickstück in dunkelblau. Ein abgegriffener Liebesroman lag auch darin. In der Schrankwand standen große Bilderrahmen mit ein und derselben Frau: Hochzeitsbilder, Strandschnappschüsse, sogar eine Safari hatten die beiden unternommen. Viele glückliche Momente – aber nirgends die typischen Zeitraffer-Aufnahmen von Kindern die langsam zu Erwachsenen wurden. Mit einem Satz sprang Felix auf Mias Schoß und bestand prompt auf Streicheleinheiten. Auf ihren kräftigen Schenkeln rollte sich der freche Kater auf und ab und genoss die Bewegungen auf seinem Fell.

‚Felix – nicht bei Besuch!‘, versuchte Herr Haselmann den Kater zu disziplinieren.

‚Es geht schon. Er tut ja nichts. Was hat er am Schwanz?‘, wollte Mia wissen.

‚Den muss er sich irgendwo eingeklemmt haben, er kam zumindest ohne ihn zurück. Dafür musste er bestimmt eines seiner Leben lassen‘, sagte Herr Haselmann und schmunzelte dabei.

‚Ich glaub ja nicht, dass Katzen viele Leben haben‘, konterte Mia spöttisch.

Herr Haselmann setzte sich in den Ohrensessel und schob die Brille etwas höher auf seinen Nasenrücken: ‚Warum nicht? Wir Menschen haben doch auch mehrere Leben?‘`

‚Wenn wir Unfälle überleben, meinen Sie?

‚Du musst nicht ‚Sie‘ sagen. Ich heiße Harald. Und ja, nicht nur das. Wenn wir neu beginnen. Wenn wir uns wieder aufrichten. Wenn wir Luft holen, obwohl sich alles nach Ertrinken angefühlt hat‘, sagte er ruhig.

‚Das Gefühl zu ertrinken kenne ich gut‘, sagte Mia in sich gekehrt.

‚Als meine Frau Marie gestorben ist, wollte ich mitsterben. Ich habe es versucht – aber ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass ich Felix dann verhungern lassen würde. Der verdammte Kater. Nach seinem Unfall wollte ich auch nicht einfach die Wohnungstür offen lassen. Also habe ich FÜR Felix gelebt. Mit ihm gesprochen, ihn umsorgt. Das war und ist mein viertes Leben‘.

‚Ihr viertes? Jetzt übertreiben sie‘.

‚Zuerst hat mich Marie gerettet. In jeder Hinsicht. Hat mich aufgehoben, aufgerichtet; wie du es nennen willst. Hat mein Leben sinnhaft gemacht und mir eine Aufgabe jenseits von Arbeit und Pflicht gegeben. Das war mein zweites Leben, das Schönste von allen.‘

‚Sie sagten vier Leben.‘

‚Nach ihrer Diagnose,  hat mich Marie das Kämpfen gelehrt. Bis zum Schluss‘, auf einmal sah Herr Haselmann älter aus als vorher – Mia konnte spüren, wie sehr die Trauer noch in ihm verhaftet war. Felix hatte auf ihrem Schoss zu schnarchen begonnen.

‚Wieso gehst du nicht mehr zur Schule?‘, wollte Herr Haselmann wissen.

‚Ich geh doch zur…‘, sie hielt inne, wollte einmal nicht lügen müssen, ‚… Facebook… die Kommentare unter meinem Profilbild. Das Lästern in den Pausen. Ob ich in der Schule oder Zuhause alleine bin, spielt doch keine Rolle‘.

‚Du bist gerade nicht alleine.

Ach ja, ich habe übrigens kein Salz mehr. Vielleicht hat Marie doch heimlich Salz ins Essen getan‘.

Die Vorstellung, dass eine Frau um die Sechzig das Essen ihres Mannes salzt und der aus blindem Vertrauen jahrelang annimmt, es wäre nüchtern, ließ Mia einen Mundwinkel hochziehen.

‚Luder‘, murmelte Harald abwesend und folgte Mias Geste. Zeitgleich entwich dem Kater ein vergleichsweise geruchsarmer aber lautstarker Pups.

‚Das sagt doch heute keiner mehr‘, entfuhr es Mia; jetzt musste sie nicht nur über seinen Ausdruck glucksen.

‚Oh‘, erschrak sich Harald und war wie angesteckt von Mias Lachen.

Wachgerüttelt von Mias heftigem Lachanfall über den Katerpups, sprang Felix auf und suchte sich einen ruhigeren Ort auf der Coach.

‚Harald‘, fragte sie schüchtern, ‚wollen du und Felix heute Abend vielleicht hoch zum Essen kommen? Es gibt Quiche.‘ Mia war selbst überrascht über ihre Frage. Und noch erstaunter, als sie hinzufügte: ‚Ich könnte auch ein neues Leben gebrauchen.‘

Herr Haselmann nickte dankbar.

‚Wir können es bestimmt einrichten – aber vorher müssen wir noch das Salz besorgen.‘

Der erste Blog-Leser hat mir Worte geschenkt! Vielen Dank dafür. Entschuldige die lange Wartezeit – ich war beruflich im Ausland und stark eingespannt. Die fabelhaften Begriffe lauteten wie folgt: ‚Senfgurken‘, ‚Katzenhaar‘ und ‚Hornhauthobel‘. Viel Vergnügen bei der Lektüre!  

Die Identität

Es muss später Morgen gewesen sein. So genau wusste es Jackie nicht mehr. Sie saß am Tresen, vor ihrem halb ausgetrunkenen Glas Milch und starrte abwesend in die Tiefen der leeren Kneipe. Der Barkeeper hatte vor einer Weile das letzte Glas poliert, es neben den anderen im Regal aufgereiht und war hinausgegangen, um den Hund zu füttern. Jackie kauerte unverändert auf dem Barhocker, schien aber im Inbegriff endlich aufzustehen. Neben dem Stuhlbein stand ein angeschmutzter Rucksack. Der Eile, mit der er gepackt worden war, geschuldet, hing aus dessen Klappe ein blauer Pulloverärmel.

Jackie saß nicht zum ersten Mal für Stunden auf genau demselben Platz, in derselben Bar und rang mit derselben Entscheidung. Vor ein paar Wochen war sie neunzehn geworden, hatte den Tag mit ein paar Verwandten und ein paar Bier in Darringhton’s Bowling Center gefeiert und war morgens zu ihrem Halbtagsjob bei der Post zurückgekehrt. Dann sortierte sie wieder Briefe. Betrachtete im Augenwinkel die unzähligen Handschriften: die alten, die jungen, die sauberen und die verwischten. So zogen jeden Tag sechs Stunden ihres Lebens einfach so an ihr vorbei. Weder ärgerte sich Jackie darüber, noch war sie sonderlich zufrieden mit dem, was sie tat; sie empfand einfach nichts.

Viele ihrer Klassenkameraden waren schon Mütter und Väter geworden und hatten, wie aus Gewohnheit, vorher ihre Jugendliebe geheiratet. Sie wohnten in einstöckigen Flachbauten, strichen am Wochenende ihre Zäune, wuschen das Auto oder trafen sich, mit Zigarette im Mundwinkel, an der nächsten Straßenecke und tratschten über Darringhton’s Einwohner. Jackie hatte nie zu ihnen gehört. Weder war sie das hübsche Mädchen von nebenan, nach dem sich die pubertierenden Jungen ihres Jahrgangs sehnten, noch war sie erklärte Außenseiterin. Ihr Problem hatte immer in ihrer Mittelmäßigkeit gelegen. Sie hatte sich ein paar Mal verliebt, hatte den entscheidenden Moment dann aber doch ziehen lassen. Einfach ausbrechen, eines Tages vielleicht, dachte sie.

Jackie rutschte auf dem Hocker auf und ab. Unrast trieb sie an. In ihrer Hand hielt sie einen geöffneten Brief. Heute vor fast einem Jahr hatte sie ihn in ihre Kästen eingeordnet. #Edward Richardson, 112 Blankstreet, LA, USA stand an der Stelle des Absenders. Adressiert war der Brief an Andrea Kean. Ein mageres Mädchen, das Jackie flüchtig vom Namensschild her kannte, weil sie jahrelang an der Tankstelle gearbeitet hatte und ihr ohne Weiteres Zigaretten verkaufte.

Der Brief war nicht zustellbar und zu schlecht frankiert gewesen, um ihn zurückzuschicken. Er wurde mit anderen, der Formalitäten halber, in einem Schuhkarton unter dem Counter aufbewahrt. Als Jackie eines Nachmittages früher Schluss hatte und einen anderen Heimweg als den gewohnten nahm, trieb sie die Neugierde an der 49 Fleetstreet vorbei, Andreas Adresse. Einzig die zugezogenen Gardinen weckten Jackies Aufmerksamkeit. Wie um einer unausgesprochenen Vermutung nachzugehen, verlängerte sie ihren Nachhauseweg um eine Abbiegung auf Darringhton’s kleinen Friedhof. Es gab nur wenige Gräber, weil die meisten Familien ihre Angehörigen lieber in Urnen auf dem heimischen Kaminsims ruhen ließen. Wenige Schritte von der Eingangspforte entfernt und umringt von neugesähtem Gras, trug eine kleine Steinplatte Andrea Kean’s Namen.

Unter einem Vorwand lief Jackie zurück ins Postgebäude. Ihre Kollegen waren gerade dabei zu schließen. Sie durchwühlte die Schuhbox mit den nicht zustellbaren Briefen und zog Edwards Exemplar hinaus. Wie ein kleines Heiligtum schleuste sie den verschlossenen Brief in ihrer Jackeninnentasche nach Hause. In ihrem Jugendzimmer angekommen, schleuderte sie ihren Rucksack in die Ecke, warf sich aufs Bett und begann zu lesen:

‚Liebe Andrea,

ich weiß nichts über dich. Leider kannte ich deine Mutter nicht gut. Vor ihrem Selbstmord hat sie mir deine Adresse geschickt. Ich habe lange gebraucht dir zu schreiben. Ich meine, ich wusste ja nicht, dass es dich gibt. Mein Name ist Edward und ich bin dein leiblicher Vater und möchte, dass du mich besuchen kommst. Den meisten gefällt es hier. Ich wohne in der 112 Blankstreet in Los Angeles. Im Umschlag liegt ein Flugticket. Es ist genau ein Jahr gültig…‘

Hier hatte Jackie stets zu lesen aufgehört und das Grübeln begonnen – auf diesem Barhocker, bis in die Morgenstunden, Monat für Monat. Fünf Tage blieben ihr noch bis das Ticket verfiel. Noch könnte sie Edward sagen, sie hätte aus Unentschlossenheit gezögert, und sei deshalb erst so spät gekommen. Es wäre nicht einmal gelogen gewesen. Doch konnte sie Andrea sein? Wollte sie es? Eine Tote um ihre Identität betrügen? Was war mit ihrer Familie? Sie mochte sie, irgendwie. Jackie fragte sich, ob das zu opfern, was man hat, ein zu hoher Einsatz für einen Neuanfang war? Reichte ein neuer Ort, um ihre Mittelmäßigkeit zu überkommen? Oder herrschte das eigene Naturell über die äußeren Umstände? Wäre sie waghalsiger oder eigenbrödlerischer? Würde sie sich stärker schminken, die richtige Musik mit den richtigen Leuten hören, das richtige Hobby finden um den richtigen Typen zu beeindrucken? In Gedanken hatte sie sich schon hunderte neue Fassungen ihrerselbst zurechtgedacht – und dann wieder verworfen. Woher weiß man, wer man ist?, Wie legt man fest, wer man sein will?, dachte Jackie angestrengt.

Sie rutschte langsam vom Hocker, ihre rechte Hand griff nach dem Rucksackträger. Ziellos schritt sie durch die Tür ins Tageslicht. Sie konnte nicht mehr warten, nicht mehr zögern. Kein einziges Glas Milch in dieser Kleinstadtspilunke mehr ihre Kehle runterstürzen, in der Hoffnung eine Entscheidung zu fassen. Sie wollte den Willen finden sich zu entscheiden. Die Lethargie endlich abschütteln. Dann geschah etwas so simples, wie schwerwiegendes. Sie zwang sich nicht mehr nachzudenken. Die Sohlen ihrer Turnschuhe schritten über das Pflaster des Bürgersteiges. ‚Jackie!‘, rief eine Stimme von der anderen Straßenseite hinüber. ‚Jackie, hier drüben!‘ – sie überhörte die Rufe und ging Richtung Busbahnhof. Am Schalter fragte ein uniformierter Mann in desinteressierter Stimmlage:

‚Auf welchen Namen soll ich das Ticket buchen?‘

Mit klarer Stimme sagte sie: ‚Mein Name ist Andrea Kean.‘

(Die Geschichte wurde aus den Worten ‚leere Kneipe‘, ‚Unrast trieb sie an‘ und ’später Morgen‘ gesponnen.)

Die Abwesende

Ein nach Atemluft ringendes Gurgeln drang durch die Wasseroberfläche ins Dunkel des Wohnzimmers. Männerhände gruben sich in den Schopf und die Schultern einer kindlichen Statur, die sich im vergeblichen Überlebenskampf aufbäumte und gegen das Ertrinken ankämpfte. Wenige Augenblicke später trieb ihr Kopf leblos im Wasser. Jetzt ließ die Hand los. Unwillkürlich brachen Tränen aus seinen Augen heraus.

Wie jeden Samstag widmete Silke einem kleinen Regal in der eichenen Einbauwand ganz besondere Aufmerksamkeit. Erst als sie alle Gegenstände daraus entfernt hatte, glitt sie mit dem Mikrofasertuch sorgsam über das Holz. Sie drehte die verstaubte Seite des Lappens nach innen und begann vorsichtig Ding für Ding einzeln abzustauben: Die kleine Vase mit den halb verwelkten Gänseblümchen darin, eine blonde Haarsträhne umwickelt mit blauem Schleifenband, einen Kerzenhalter in Form eines Teddybären und eine gerahmte Fotografie. Vor vielen Jahren hatten sie noch jeden Samstag frische Blumen von der Floristin besorgt, heute musste ein kleines Unkraut neben dem Gehweg reichen.

‘Silke, es kann nicht ewig so bleiben. Wir leben hier schließlich nicht im Museum‘.  Sie schluckte und überhörte das Gesagte, obwohl sie ahnte, dass ihr Mann Recht hatte. Dann griff sie noch einmal nach dem Foto, drückte ihre Lippen auf das Glas und stellte es zurück an seinen Platz. ‘Wenn sie wiederkommt, soll sie nicht denken, wir hätten nicht auf sie gewartet‘, sprach sie, wie zu sich selbst, in einem kaum hörbaren Ton.

Ihr Nachbar Willi saß im Haus nebenan in seinem Ohrensessel und streichelte liebevoll über den weißen Rücken eines Stofftieres, genauer gesagt, über den einer Plüsch-Miezekatze. In seiner Erinnerung hallte ein ausgelassenes Mädchenlachen. ‘Onkel Willi, zeigst du mir die Fische?‘, hatte sie ihn immer gefragt. Und dann ließ er Emma in sein Haus, schloss die Wohnungstür und während sie sich voller Begeisterung die Namen der erst neulich getauften Fische seines Aquariums ins Gedächtnis rief, hatte er nur Augen für ihre zierliche Silhouette. Ihre helle Stimme, die dünnen Glieder und wunderbar großen Augen – eine schönere Frau gab es für ihn nicht. ‘Wie alt bist du jetzt?‘, fragte Willi das Mädchen fast ungeduldig. ‘Heute bin ich acht geworden‘, antwortete sie keck und grinste dabei. ‘Und du?‘, konterte sie. ‚49‘, sagte er ruhig. ‘Noch älter als Papa.‘ ‘Ja, noch älter als Papa.‘

‘Willi? Bist du Zuhause?‘, rief eine Frauenstimme am Fenster und holte ihn aus seinen Gedanken. Er sprang aus seinem Sessel, schob das Kuscheltier darunter und ging zur Tür. ‘Silke, geht’s dir nicht gut?‘, fragte Willi ernsthaft besorgt. ‘Er hat es wieder gesagt.‘ Einen Moment war es still. ‘Komm erst mal rein.‘ ‘Danke.‘ Sie setzte sich in seinen Ohrensessel mit Blick auf das blau beleuchtete Aquarium. Er wollte Einspruch erheben, sah aber dass sie geweint hatte und beließ es dabei. ‘Ich mach uns mal einen Tee‘, sagte Willi und verschwand in der Küche. ‘Emma wäre heute 18 geworden. Ich glaube, er hat es vergessen‘, sprach Silke, wie zu den Fischen. Jetzt bemerkte auch sie die Abwesenheit, die in ihrer Stimme lag.  Wie in Trance lauschte sie dem brodelnden Geräusch des Wasserkochers, das aus der Küche drang. Beim Eingießen traf ein Spritzer kochend heißen Wassers Willis Handrücken. Er schrie vor Schmerz auf. ‘Alles in Ordnung?‘, wollte Silke wissen. ‘Nur eine verzwickte Kleinigkeit‘, Willi war jetzt schon damit beschäftigt, die verworrenen Bänder der Teebeutel auseinander zu fädeln und brachte anschließend zwei Tassen Pfefferminztee ins Wohnzimmer.

‘Weißt du, Willi, das Allerschlimmste ist, dass das Herz nicht vergisst. Es erinnert mich unerbittlich. Es ist grausam, wie ordentlich es mir immer wieder alles ins Gedächtnis ruft.‘ Sie pausierte. ‘Ich hatte ihr extra noch die Haare geflochten und Herrn Mauz  frisch gewaschen, damit sie auf ihrer Feier hübsch aussieht. Dann ist Emma zum Spielen vor die Tür gegangen und kam einfach nicht mehr zurück‘, ein tiefer Schluchzer entfuhr Silke. Jetzt konnte sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Nach all den Jahren. Willi setzte sich auf die Kante des Ohrensessels, legte ihr mitfühlend die Hand auf die Schulter und sagte erst einmal nichts. ‘Kann ich noch ein bisschen hier sitzen bleiben?‘ ‘Solange du willst, Silke.‘ Jetzt weinte und schluchzte sie so heftig, als könnte sie niemand anderes hören. Als wären Willis Wände eine Art  Kokon, der ihr erlaubte, sich abzuregen, ohne ihre Ehe zu gefährden. Tränen bahnten sich ihren Weg durch die Linien, die über die Jahre zu tiefen Falten in ihrem Gesicht geworden waren. Erst als sie bemerkte, wie sehr ihre Nase lief und sich dafür schämte, beruhigte sie sich allmählich wieder. ‘Zehn Jahre, Willi. Seit zehn Jahren sitze ich regelmäßig bei dir im Wohnzimmer, starre deine Fische an und beweine mein verschwundenes Kind. Neulich habe ich von Emma geträumt, als ich aufwachte und sie nicht da war, hat mich der Phantomschmerz fast umgebracht. Wahrscheinlich hätte ich ohne dich aufgegeben. Wäre einfach in der Dunkelheit im Nachthemd in den Feuerwehrteich gestiegen und am Morgen gefunden worden.‘ ‘Sag doch sowas nicht‘, stammelte Willi empört.

‘Los, fang schon an!‘, sagte Willi auffordernd und um sich ein bisschen abzulenken. ‘Nicht heute.‘ ‘Gerade heute‘, Willi bestand darauf. ‘Gut. Emma ist Teil eines Archäologenteams, das in Ägypten Mumien und Sarkophage ausgräbt. Sie plant bald nach Hause zu kommen.‘ ‘Dafür ist sie zu hübsch gewesen‘, widersprach Willi: ‘Ich sage, sie modelt irgendwo in Dubai, ist mit einem persischen Schah verlobt und lebt in Saus und Braus.‘ ‘Vielleicht ist sie auf einer Farm in den Bergen Montanas und macht Dressurreiten, nur nebenbei, einfach aus Spaß?‘, fragte sich Silke und schmunzelte ein wenig. Und so malten sich beide noch eine Weile aus, wie Emma erwachsen geworden war, in einem guten Elternhaus, mit vielen Freunden, wie sie ihre erste Liebe erfuhr und mit den ersten Enttäuschungen zu kämpfen hatte. Die Absurdität des Gesagten vertrieb kurz die Unsicherheit und Ruhelosigkeit, die seit Emmas Verschwinden auf Silke lasteten.

‘Schuld‘, dachte Willi, ‘ist wie eine selbstgesetzte Brandmarke, deren Schmerz sich bis ins Mark zieht, wenn der Reiz nur groß genug ist.‘ Er ekelte sich, wie so oft in Silkes Gegenwart, vor sich selbst.

‘Möchtest du Zucker in deinen Tee?‘ ‘Bitte.‘ Willi griff mit einer kleinen Zange einen Würfel aus der Porzellan-Dose. Gerade als er ihn in ihren Tee fallen lassen wollte, stieß Silke plötzlich hervor: ‘Überleg mal, ich könnte sogar schon Oma sein?‘ Der Ablenkung geschuldet, verloren seine Fingerspitzen die Spannung und das Stückchen glitt durch die Griffe der Zange. Der Zuckerwürfel kullerte über die Auslegeware und rollte holprig unter den Ohrensessel. Niiiiiicht‘, entfuhr es Willi, doch Silkes schmale Finger ertasteten bereits eine kleine, zarte  Plüschpfote.

(Vorgegeben waren ‘blaues Schleifenband‘, ‘verzwickt‘ und das Wort ‘Miezekatze‘.)

Der Gefangene

‚Glückseligkeit – wie abgedroschen das klingt‘, dachte Gary und biß ein großes Stück aus dem saftigen Burger zwischen seinen Händen. Dabei quoll ein bisschen Soße zwischen Fleisch und Salat heraus und tropfte auf seine Krawatte. Eine grobe Handbewegung verrieb den Mayonnaise-Fleck und daraufhin schenkte Gary ihm keine Beachtung mehr. Die Mittagspause war schon fast vorüber aber er empfand selten gekannte Träge und Widerwillen an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren.

Erst vor zwei Monaten hatte er eine Stelle in der Stadtverwaltung angenommen. Er kannte sein Aufgabenfeld, erledigte die meiste Arbeit bis kurz vor 15 Uhr und verbrachte die restlichen zwei Stunden des Tages damit, die Aktenordner im Stahlschrank nach Farben umzusortieren, den kleinen Bonsai auf seinem Schreibtisch zu beschneiden und anschließend ins rechte Licht zu rücken und auf Facebook den Status seiner aktuellen Laune anzupassen: ‚Feierabend in einer Stunde, tick tack‘. Sein kleines, dunkles Büro teilte er mit Frau Schneider, einer korpulenten Frau um die sechzig. Nach ihrem exakten Alter hatte Gary sich noch nicht zu fragen getraut.

Wenn sich Frau Schneider in der Küche einen Tee aufbrühte und wie immer in einen belebten Tratsch mit Frau Kühn vertieft war, kannte Gary noch ein anderes Mittel seiner Langeweile Herr zu werden: Er klickte sich mit der Maus und mit Kopfhörern auf den Ohren durch die Amateurvideos auf Youporn. Weniger erregt als voller Bewunderung, fragte er sich, wer sich da wohl selbst filmte? Was es brauchte, um sich in der absoluten Intimität seines Sein so der Welt zu zeigen? Er kam zu dem Schluss, dass die anderen vielleicht einfach nicht so viel nachdachten, wie er selbst. Im Ferienlager hatte er einmal eine Polaroid-Kamera in seine Turnhose gehalten, abgedrückt und das zugegebenermaßen recht unscharfe Bild Zahnspangen-Lisa schenken wollen. Es war wohl als Provokation gedacht; so genau wusste er es selbst nicht mehr. Stattdessen wickelte er einen Stein darin ein und schleuderte das Foto in den Tegernsee. Zu den Mutigen gehörte Gary nie.

Die Glocke für die Imbiss-Bestellungen riss ihn aus seinen Gedanken. Er hatte so langsam gegessen, dass der Hamburger anfing labberig zu schmecken. Gary saß auf einem Barhocker, die Ellenbogen auf die Tischplatte gestützt und schaute durch die große Glasscheibe von ‚Pete’s Mundpropaganda‚, hinaus auf den gegenüberliegenden Park.

Vor dem Fenster saß ein alter Mann auf einer Parkbank und schrie die Tauben an. Vielleicht brüllte der Alte mit dem grauen Haar auch über die Biester hinweg. Sein Blick war angsterfüllt. Dann sprang er auf und humpelte, das linke Bein nachziehend, Richtung Straßenkreuzung. Vor Schreck verlor Gary das Gefühl in seinen Fingerspitzen und der letzte Burgerbissen klatschte zurück auf die Papierfolie. ‚Was ist das?‘, hörte sich Gary sagen.

‚Was zur Hölle IST das?‘, hörte er sich jetzt hysterischer und lauter rufen. Auch die anderen Gäste schienen von der Erscheinung vor dem Fenster Notiz zu nehmen.

Gary war erstarrt vor Angst, er bildete sich ein, die kleinen Erschütterungen, die die Schritte seines Gegenübers verursachten, unter den eigenen Füßen zu spüren. Noch nie hatte er etwas so Schönes und zugleich Angsteinfloßendes gesehen. Der Fremde stand so dicht vor ihm, dass sein starker Atem die Scheibe beschlagen ließ. Die Reflektion von Garys entgleistem Gesicht spiegelte sich in den schwarzen Augen der Gestalt hinter dem Fenster wider.

Vor ihm stand ein Wildtier vom Ausmaß eines Lieferwagens. Ruhig schnaufend blickte er in den Imbiss und konzentrierte sich auf Gary. Die kunstvoll nach oben geschwungenen Hörner, das zottelige, lange Fell an den für einen solch langen, massigen Körper fast zu kurz geratenen Beinen,  und der Buckel hinter der verlängerten Halswirbelsäule: Es war ein Yak. Der Größe zufolge ein Bulle. Das fiel jetzt auch Gary wieder ein.

Eine Frau began zu reden und streckte ihr Smartphone in die Luft: ‚Der Zoo meldet Tierausbrüche aufgrund einer jugendlichen Randaliererbande. Zäune wurden aufgeschnitten, Gitterstäbe geknackt. Mehrere Raubkatzen streunen durch die Stadt. Es wird geraten nicht auf die Straße zu treten. Sie schicken gleich jemanden hierher.‘ Garys Herz bebte vor Aufregung. ‚Sie schicken gleich jemanden?‘, murmelte er. ‚Jemanden mit Gewehr? Jemanden der ihn zurückbringt, an einen Ort, an dem er dahinvegetiert? An dem sich sein Leben sterbenslangsam und vorhersehbar dahinzieht?‘ Seine Gedanken überschlugen sich.

‚Lauf!‘, flüsterte Gary. Er rutschte vom Hocker, beugte sich vor und redete eindringlich auf den Yak ein: ‚Lauf, los, geh endlich. Sie holen dich sonst.‘ Der Yak rührte sich nicht. Gary spürte die Verzweiflung in ihm aufsteigen: ‚Sie werden dich erschießen!‘ ‚LAUF! LOS! VERSCHWINDE!‘, brüllte er dem Yak entgegen. Das majestätische Tier ruhte immer noch vor dem Fenster und blickte ihn an. Garys Augen begannen zu brennen, eine winzige Träne lief über seine Wange. Er wischte sie mit seinem Ärmel fort und schrie jetzt aus seinem tiefen Inneren: ‚GEEHHH! SCHHHUCHH! VERPISS DICH JETZT! VERSCHWIIIINDE DU DUMMES VIEH! LOOOOOOOS!‘ Als wäre alles mit ihm durchgegangen, gestikulierte er dabei wild und schlug mit beiden Fäusten wuchtig gegen die Fensterscheibe. Jetzt begann eine Frau mit Kind panisch zu kreischen.

Ein tiefes Schnauben des Yaks ließ noch ein Mal die Fensterscheibe beschlagen und dann schritt er in dumpfen Bewegungen die Straße hinunter.

Erst jetzt, beim Anblick dieses Riesens in Wallung, hinter dem Glas, erkannte Gary, wer der eigentliche Gefangene war.

(Für diese Geschichten wurden die Wörter ‚alter Mann auf einer Parkbank‘, ‚Yak‘ und ‚Glückseligkeit‘ vorgegeben. Vorschläge? Dann her damit!)

Der Zusammenstoß

Hilde lehnte sich gegen den Beckenrand und blickte Bahn für Bahn über das wogende Wasser und die Menschen die darin schwammen. Sie zupfte an ihrer rot geblümten Badehaube und steckte ihre goldenen Ohrringe zusammen mit einer weißen Haarsträhne noch ein bisschen tiefer hinter das Gummi. Sie tat es aus Angst, sie zu verlieren und für den Rest des Tages den Beckengrund nach ihnen entlang tauchen zu müssen. Dafür bekam Hilde heute zu schlecht Luft.

Dann nahm sie ihren Fuß von der rettenden Kante und ließ sich langsam ins tiefere Wasser gleiten. Die seichten Wellen bewegten ihre Brüste und die Haut ihres Dekolletés stärker als früher. Sie hatte sich über die vielen Jahre verändert. Auch der schwarze Badeanzug, an dem sie so hing, war mit der Zeit schon abgetragen und etwas ergraut.

In der Schwimmhalle wurde keine Musik gespielt. Hilde fragte sich, ob dieses neumodische, kleine Abspielgerät, das jetzt sogar ihre Freundin Anneliese von ihren Enkeln geschenkt bekommen hatte, wohl auch unter Wasser funktionierte? Sie fand den Gedanken daran herrlich, wie schwerelos durch das Wasser zu gleiten und Heinos tiefer Stimme zu lauschen: ‘Rosamunde, schenk mir dein Herz und dein ‚Ja‘,(…) Rosamunde, glaub mir auch ich bin dir treu, denn zur Stunde, Rosamunde, ist mein Herz gerade noch frei‘.  Innerlich seufzte sie. Dann traf sie der Arm eines kraulenden Schwimmers hart am Kopf. Ein Schmerzensschrei entfuhr ihr. Sie strampelte gegen das Wasser an und musste kurz ihre Fassung zurückgewinnen.

‘So ein Beckenrowdy!!! Was glauben Sie, wer Sie sind, junger Mann?‘, brüllte Hilde.

‘Das tut mir wirklich leid, auf einmal waren Sie auf meiner Seite der Bahn. Ich habe Sie nicht kommen sehen. Soll ich den Bademeister rufen?‘, fragte er in ruhigem Tonfall.

‘Es geht schon. Ich will mich nur kurz hinsetzen.‘ Erst jetzt bemerkte Hilde die stahlblauen Augen und das entschuldigende Lächeln ihres Angreifers. Er begleitete sie zum Beckenausstieg und reichte ihr zur Sicherheit die Hand. Als Hilda aus dem Wasser war, griff sie augenblicklich nach ihrem Handtuch, um ihre adrigen Beine zu bedecken. Der junge Mann folgte ihr und als sich seine starken Oberarme an der Leiter emporzogen, konnte Hilde nicht anders, als auf die definierten Muskeln seiner Brust zu schauen. Jetzt schämte sie sich wieder und schlurfte mit ihren Badelatschen in Richtung einer Steinbank, auf der sie ihre Sachen in einem Stoffbeutel aufbewahrte. Der junge Mann wich ihr nicht von der Seite.

‘Ist ihnen nicht gut?‘, fragte er sie fürsorglich. ‘Ich bin, Theo. Möchten Sie einen Schluck Wasser?‘

‘Es geht schon.‘ Hilde bemerkte, wie sie sich in Gedanken verlor. Ihr Blick haftete auf den Wassertropfen, die langsam an seinem Bein abperlten, an seinem Knöchel vorbeihuschten und unter dem Fuß verschwanden. Dann spürte sie zwei Finger an ihrer Schläfe und erschrak erneut.

‘Keine Angst, ich bin Krankenpfleger. Ist nur ein bisschen gerötet, die Stelle. Es  wird bestimmt eine Beule‘, sagte Theo und blickte dabei auf ihrem Kopf. Er war ihr so nah gekommen, dass sie seinen Atem an ihren Ohrläppchen spüren konnte. Plötzlich empfand sie abwechselnd Hitze und Schwindel. Wie durch eine Bewegung aus einer Zeit, in der sie noch ein junges Mädchen gewesen war, befreite sie sich aus seiner Nähe, indem sie die Badehaube abzog und sich durch ihre weißen Locken wuschelte. Vor vierzig Jahren war sie schön gewesen und hatte Männer zu beeindrucken gewusst. Heute war sie aus der Übung mit solchen Dingen.

‘Sie tragen hübsche Ohrringe‘, kokettierte Theo, wie um den Unfall wieder gut zu machen.

‘Danke. Aber das müssen Sie nicht sagen‘, antwortete Hilde und zog eine Schachtel Kekse aus ihrem Stoffbeutel. ‘Möchten Sie einen?‘

‘Darf man hier denn überhaupt essen?‘

‘Man darf, was man macht, solange die anderen nichts mitbekommen‘. Jetzt musste Hilde über ihre eigene Aufmüpfigkeit grinsen. Theo auch. Ihre fleckige, knöchrige Hand legte einen Keks zwischen seine starken Finger.  Wie zwei Kinder schoben sich beide die Kekse in den Mund und freuten sich über ihr geteiltes Geheimnis.

‘Sie zittern ja‘, sagte Theo und wickelte sich ohne zu überlegen das Handtuch von der Hüfte, um es Hilde über die Schultern zu legen. In einem Anflug von Ablehnung wollte Hilde kurz Einspruch einlegen, ergab sich dann aber Theos Gutmütigkeit. Er stand vor ihr, lächelte und sagte: ‘Ich muss noch ein paar Bahnen schwimmen. Lassen Sie das Handtuch einfach auf der Bank zurück. Vielleicht sieht man sich ja noch mal wieder?‘

‘Bestimmt‘, hörte sich Hilde leise sagen.  Ihre Augen verfolgten die leichte Bewegung seiner Pobacken, bis er an der Beckenkante angelangt war und mit einem Satz kerzengerade durch die Wasseroberfläche schnitt. Sie zog sein Handtuch ein bisschen fester um ihre Schultern und war erfühlt von einem Gefühl unbändiger Lebendigkeit. Von nun an würde Theo für sie aus der Masse der Schwimmenden wie eine Boje auf hoher See herausstechen.

(Für diese Geschichte wurde die Worte ‚Ohrring‘, ‚abgetragen‘ und ‚Stoffbeutel‘ vorgegeben.)

Die Lokalität

Auf dem Bürgersteig vor der Bushaltestelle 120 rollte ein Zigarettenfilter mit jedem Windstoß ein bisschen näher an den Bordsteinrand. ‘Shit‘, murmelte Bastian, zog einen neuen Filter aus der Tabaktasche und drehte die Zigarette zu Ende. Kaum aufgeraucht, nahm er den letzten Schluck aus der Club-Mate-Flasche und stellte sie neben den Papierkorb.

Die brandenburgische Gaststätte, in der er sich um halb eins verabredet hatte, lag auf der anderen Seite der Straße. Durch die Tür geschritten, wies ihm die gealterte Tresendame einen Tisch im hinteren Teil des Raumes zu. Bastian bestellte sich ein Bier vom Fass und wie um die Wartezeit zu verkürzen, putzte seine Hand ein paar zurückgelassene Brotkrümel vom Tischtuch und prüfte die Stoffrosen in der Tischmitte auf ihre Echtheit.

12.40h; Kalle ließ auf sich warten.

‚Der mistige Bus kam zu spät‘, rief ihm ein stämmiger Kerl in weiten Jeans und Daunenjacke durch das ganze Lokal zu. ‚No problem, Kalle‘, entgegnete ihm Bastian, als er sich setzte.

‚Kiekste mal da, jetze bin ik hier verewigt‘, Kalle deutete aufgeregt mit dem Zeigefinger auf ein eingerahmtes Skat-Blatt hinter der Bar. ‚Grand-Ouvert. Dat passiert dir nur ein Mal im Leben, Schwein jehabt‘, sagte er stolz.

‘Glückwunsch‘, antwortete Bastian in belanglosem Tonfall, ‘Donnerstag Abend ist also immer noch Skatrunde, wie awkward‘.

‘Was darf’s sein?‘, fragte die Kellnerin, die auf ein Mal an ihrem Tisch stand.

‘Haben Sie Steak?‘, fragte Bastian, ohne zuvor einen Blick in die Karte geworfen zu haben.

‘Nur Schnitzel.‘

‘Vom Kalb?‘

‘Vom Schwein.‘

‘In Ordnung.‘

Kalle schmunzelte und sagte betont kennerhaft: ‘Also ik nehm immer die Fischstäbchen. Da schmeckste wenigstens dat Pferdefleisch raus‘. Beide mussten grinsen. Die Kellnerin notierte die Bestellung mit hochgezogener Augenbraue und ging wieder.

‘Wie geht’s Sandra?‘, wollte Bastian wissen.

‘Gut, die is nur grad viel mit dem Kleenen beschäftigt. Der heult weil die Zähne kommen. Der hat so nen Eck-Hauer vorne links, mit dem sieht er aus, wie dieses Twilight-Kerlchen. Wehste noch wat Lustiges, Ronny hat ihm neulich nen Hertha-BSC-Schal geschenkt. Für später, verstehste?‘

‘Einen für Babies?‘, fragte Bastian um die Gesprächspause zu überbrücken.

‘Ne, nen richtigen‘, antwortete Kalle mit einem Kopfschütteln. ‘Familie is janz wichtig. Da hab ik Glück jehabt. Und, legst du auch bald mal was vor?‘, Kalle zwinkerte Bastian gönnerhaft an.

‘Steffi ist seit letztem Herbst weg.‘

‘Hättste doch anrufen können.‘

‘Ich weiß. Danke.‘

‘Haste was Neues?‘

‘Nichts Richtiges.‘

‘Was macht der Plattenladen?‘

4Vinyl-lovers wirft irgendwie Kohle ab. Mal mehr, mal weniger. Bist du noch bei der gleichen Elektriker-Firma?‘

‘Jenau. Allet so wie immer. Ach so, ik wollt dir vor‘n paar Monaten die Einladung zu unserer Hochzeit schicken. Schnieket Ding, rosé-, nich rosa-farben, sagt Sandra immer. Janz passables Foto von uns drin. Der Umschlag kam aber zurück. Biste umjezogen?‘

‘Ich wohne erst einmal im Hinterzimmer meines Ladens.‘

‘Wasn ditte?‘

‘Nur so lange bis Steffi ihre Meinung ändert.‘

‘Die hat im Herbst rinjehaun und heute is Frühlingsanfang. Wie lange willst’n noch unter deinen Turntables pennen?‘

‘Frühlingsanfang ist erst morgen! Da treffen wir uns jedes Jahr zur selben Zeit und du kannst dir nicht mal das Datum merken‘, sagte Bastian vorwurfsvoll. ‘Gosh, Kalle, heute ist der 19. März.‘

‘Mensch, wes ik doch. Wat globste denn, wer du bist, man, Papas Todestag verjess ik jawohl nich. Scheiß Frühlingsanfang ändert sich doch immer.‘

Beide schnauften.

‘Einmal Fischstäbchen mit Bratkartoffeln und Schnitzel mit Pommes. Darf’s noch was sein?‘

‘Zwei Jägermeister‘, murmelte Kalle.

‚Guten Appetit, die Herren.‘

Die Kellnerin verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Eine Weile saßen sich Bastian und Kalle stumm gegenüber und taten nichts außer zu essen.

Dann legte Bastian die Gabel auf den Tellerrand, räusperte sich und sagte leise: ‘Sorry. Ich wusste, dass du’s nicht vergessen hast.‘

‘Ik wusste auch, dass du’s wusstest. Schwamm drüber. Aber Bastian, du musst ja nich in Berlin bleiben. Hier isses doch auch hübsch. Wehste ja. Mama würd sich auch mal über bisschen Besuch von dir freuen.‘

‘Nimm’s mir nicht übel aber damit bin ich fertig, Kalle.‘

‘Zwei Jägermeister‘, unterbrach sie die Kellnerin und stellte die Gläser auf das Tischtuch.

‘Ich brauch doch nur mal wieder ein bisschen Glück. So wie du mit dem Grand-Ouvert. Auf dein glückliches Händchen, Kalle.‘

‚Prost, Bastian, schön, dass du da bist.‘

(Für diese Geschichte wurden mir die Worte ‚Fischstäbchen‘, ‚awkward‘ und ‚Skat‘ vorgegeben. Und was ist mit euren drei Worten? Jeder kommentierte Vorschlag eurerseits wird berücksichtigt.)