Die Lokalität

Auf dem Bürgersteig vor der Bushaltestelle 120 rollte ein Zigarettenfilter mit jedem Windstoß ein bisschen näher an den Bordsteinrand. ‘Shit‘, murmelte Bastian, zog einen neuen Filter aus der Tabaktasche und drehte die Zigarette zu Ende. Kaum aufgeraucht, nahm er den letzten Schluck aus der Club-Mate-Flasche und stellte sie neben den Papierkorb.

Die brandenburgische Gaststätte, in der er sich um halb eins verabredet hatte, lag auf der anderen Seite der Straße. Durch die Tür geschritten, wies ihm die gealterte Tresendame einen Tisch im hinteren Teil des Raumes zu. Bastian bestellte sich ein Bier vom Fass und wie um die Wartezeit zu verkürzen, putzte seine Hand ein paar zurückgelassene Brotkrümel vom Tischtuch und prüfte die Stoffrosen in der Tischmitte auf ihre Echtheit.

12.40h; Kalle ließ auf sich warten.

‚Der mistige Bus kam zu spät‘, rief ihm ein stämmiger Kerl in weiten Jeans und Daunenjacke durch das ganze Lokal zu. ‚No problem, Kalle‘, entgegnete ihm Bastian, als er sich setzte.

‚Kiekste mal da, jetze bin ik hier verewigt‘, Kalle deutete aufgeregt mit dem Zeigefinger auf ein eingerahmtes Skat-Blatt hinter der Bar. ‚Grand-Ouvert. Dat passiert dir nur ein Mal im Leben, Schwein jehabt‘, sagte er stolz.

‘Glückwunsch‘, antwortete Bastian in belanglosem Tonfall, ‘Donnerstag Abend ist also immer noch Skatrunde, wie awkward‘.

‘Was darf’s sein?‘, fragte die Kellnerin, die auf ein Mal an ihrem Tisch stand.

‘Haben Sie Steak?‘, fragte Bastian, ohne zuvor einen Blick in die Karte geworfen zu haben.

‘Nur Schnitzel.‘

‘Vom Kalb?‘

‘Vom Schwein.‘

‘In Ordnung.‘

Kalle schmunzelte und sagte betont kennerhaft: ‘Also ik nehm immer die Fischstäbchen. Da schmeckste wenigstens dat Pferdefleisch raus‘. Beide mussten grinsen. Die Kellnerin notierte die Bestellung mit hochgezogener Augenbraue und ging wieder.

‘Wie geht’s Sandra?‘, wollte Bastian wissen.

‘Gut, die is nur grad viel mit dem Kleenen beschäftigt. Der heult weil die Zähne kommen. Der hat so nen Eck-Hauer vorne links, mit dem sieht er aus, wie dieses Twilight-Kerlchen. Wehste noch wat Lustiges, Ronny hat ihm neulich nen Hertha-BSC-Schal geschenkt. Für später, verstehste?‘

‘Einen für Babies?‘, fragte Bastian um die Gesprächspause zu überbrücken.

‘Ne, nen richtigen‘, antwortete Kalle mit einem Kopfschütteln. ‘Familie is janz wichtig. Da hab ik Glück jehabt. Und, legst du auch bald mal was vor?‘, Kalle zwinkerte Bastian gönnerhaft an.

‘Steffi ist seit letztem Herbst weg.‘

‘Hättste doch anrufen können.‘

‘Ich weiß. Danke.‘

‘Haste was Neues?‘

‘Nichts Richtiges.‘

‘Was macht der Plattenladen?‘

4Vinyl-lovers wirft irgendwie Kohle ab. Mal mehr, mal weniger. Bist du noch bei der gleichen Elektriker-Firma?‘

‘Jenau. Allet so wie immer. Ach so, ik wollt dir vor‘n paar Monaten die Einladung zu unserer Hochzeit schicken. Schnieket Ding, rosé-, nich rosa-farben, sagt Sandra immer. Janz passables Foto von uns drin. Der Umschlag kam aber zurück. Biste umjezogen?‘

‘Ich wohne erst einmal im Hinterzimmer meines Ladens.‘

‘Wasn ditte?‘

‘Nur so lange bis Steffi ihre Meinung ändert.‘

‘Die hat im Herbst rinjehaun und heute is Frühlingsanfang. Wie lange willst’n noch unter deinen Turntables pennen?‘

‘Frühlingsanfang ist erst morgen! Da treffen wir uns jedes Jahr zur selben Zeit und du kannst dir nicht mal das Datum merken‘, sagte Bastian vorwurfsvoll. ‘Gosh, Kalle, heute ist der 19. März.‘

‘Mensch, wes ik doch. Wat globste denn, wer du bist, man, Papas Todestag verjess ik jawohl nich. Scheiß Frühlingsanfang ändert sich doch immer.‘

Beide schnauften.

‘Einmal Fischstäbchen mit Bratkartoffeln und Schnitzel mit Pommes. Darf’s noch was sein?‘

‘Zwei Jägermeister‘, murmelte Kalle.

‚Guten Appetit, die Herren.‘

Die Kellnerin verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Eine Weile saßen sich Bastian und Kalle stumm gegenüber und taten nichts außer zu essen.

Dann legte Bastian die Gabel auf den Tellerrand, räusperte sich und sagte leise: ‘Sorry. Ich wusste, dass du’s nicht vergessen hast.‘

‘Ik wusste auch, dass du’s wusstest. Schwamm drüber. Aber Bastian, du musst ja nich in Berlin bleiben. Hier isses doch auch hübsch. Wehste ja. Mama würd sich auch mal über bisschen Besuch von dir freuen.‘

‘Nimm’s mir nicht übel aber damit bin ich fertig, Kalle.‘

‘Zwei Jägermeister‘, unterbrach sie die Kellnerin und stellte die Gläser auf das Tischtuch.

‘Ich brauch doch nur mal wieder ein bisschen Glück. So wie du mit dem Grand-Ouvert. Auf dein glückliches Händchen, Kalle.‘

‚Prost, Bastian, schön, dass du da bist.‘

(Für diese Geschichte wurden mir die Worte ‚Fischstäbchen‘, ‚awkward‘ und ‚Skat‘ vorgegeben. Und was ist mit euren drei Worten? Jeder kommentierte Vorschlag eurerseits wird berücksichtigt.)

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