Der schlafende Berg

Seine Physis gleicht der Topografie eines Gebirges:

Ein Kinn wie ein Felsvorsprung, porig und mit Stoppeln bedeckt.

Entlang der eingefallenen Wangen führt eine tiefe Falte zu den langen Nasenhöhlen, von deren Decke Haare wie Stalaktiten hängen.  Die kantige Nase bildet den steilen Gipfel.

Die Linien auf der Stirn ziehen sich wie übereinander gelagerte Sedimente zu den auf den Wangenknochen aufliegenden Schläfen. Eingebettet in eine Schicht aus schütterem Haar ruhen die kurvigen, langen Ohren, wie zwei stillgelegte Bergwerke, die ins Kopfinnere führen.

Die schmalen Lippen folgen dem seichten Luftstrom, der stoßweise aus dem zahnlosen Schlund entweicht.

Ein leichtes Heben der Brust – einzig der Atem verschafft ihm Bewegung.

Die dünnen Beinchen sind aufgestellt und zeigen spitz nach oben. Er zittert, Demenz und Parkinson lassen seine Glieder beben, wie Erdplatten, die sich übereinander schieben.

Ein Muskelzucken birgt die letzte Erschütterung.

Ausgedünnte Wimpernkränze umschließen die grauen Iriden, die wie Silbermünzen auf den tiefen Augenhöhlen ruhen.

In den Rillen zwischen Handknochen und Sehnen heben sich runde, blaue Adern empor, wie gewaltige Flüsse, die aus den krummen Fingern schließlich in die Falten des weißen Bettlakens zu münden versuchen.

Die dünne Haut an Armen und Beinen hängt und die Haare liegen in Reihe wie Getreidehalme auf einem Kornfeld.

Schulterknochen, Becken, Knie, Knöchel und Halswirbel sind steif und suchen ihren Weg aus dem schwachen Körper, der ihn ans Bett fesselt.

Auf dem Nachttisch steht neben dem Krankenbett ein Bild der Tiroler Berge. Er lächelt übers ganze Gesicht. Jung ist er, das braune Haar sorgsam gescheitelt, die Strümpfe bis unter die Knie gezogen. Seine Hand hält die einer blonden Frau in Lederhosen. Ihre geröteten Wangen bedeuten frische Luft.

Hier, im Krankenzimmer, schiebt sich, durch den schmalen Fensterspalt, klare an ausgeatmeter Luft nur mühsam vorbei.

Helga hat Kirschpralinen mitgebracht. Schokolade, das kennt er noch, und Helga. Beides verbindet er mit dem Glücklichsein.

Sein Körper, der Berg, hält ihn gefangen. 80 Jahre lang war er Antrieb und Mittel, steile Hänge und Geröll zu überwinden. Jetzt härtet ihn die Krankheit aus, wie ein Totenbett für die Seele, eine organische Grabkammer inmitten von Fels.

Oskar hat seine Zeit verlebt. Er erwartet ihn – den Tod, und schläft, um endlich zu entschlafen.

(Anders als die sprachlichen Vergleiche, sind die Beobachtungen dieser Geschichte nicht fiktiv. Die Namen wurden geändert. Ich habe den Text wiedergefunden und fand den Gedanken schön, ihn zu teilen, auch wenn er nicht mit dem 3-Worte-1-Kurzgeschichte-Konzept einhergeht.)

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Der Rechtschreibfehler

Nimm mich zurúck‘  –

         nur drei Worte auf einem geknickten Blatt Papier, das Carol am Morgen in ihrem Briefkasten gefunden hatte. Drei Worte, die wie ein Klotz Beton auf ihr lasteten. Sie kannte ihren Verfasser und musste nicht mehr tun, als die Kurzwahltaste ihres Handys zu nutzen, um mit ihm zu sprechen.

Ihre geröteten Augen streiften die aufgeschlagene Karte des Café Bleibe‘s: ‚Americano mit Milch‘, las sie. Nie hatte sie verstanden, warum der Mensch mehr als drei Sorten Kaffee zur Auswahl brauchte. Auf die freundliche Aufforderung der Kellnerin hin, bestellte sie ein kaltes Sandwich und ein Wasser ohne Sprudel – nicht weil sie Hunger verspürte, lediglich aus Pflichtgefühl dem Lokal gegenüber.

Ihre Finger drehten verspielt den kleinen Zettel, als führten sie ein Eigenleben, von dem Carol nichts wusste. In Gedanken überprüfte sie ihren Eindruck von heute Morgen: Seine Seite des Lakens war noch glatt gestrichen, die schweren Vorhänge noch zugezogen und sein Radiowecker, den sie so hasste, lag kopfüber in einem Karton mit der Aufschrift ‘Tobias‘. Ihr Magen fühlte sich flau an.

24 Stunden vorher hatte ihr Leben noch Sinn ergeben. Tobias hielt sie fest in seinem Arm und weckte sie zärtlich mit einem Kuss auf die Schläfe. Er brachte ihr Cornflakes mit Erdbeeren und ohne Milch, denn schließlich kannte er sie. Als sie aus der Dusche zurückkam, hatte er auf der Bettkante Platz gefunden, die Ellenbogen auf die Knie gestützt und die Hände, mit Blick auf den Boden, an den Nacken gelegt. Er schaute zu ihr auf und sagte: ‘Ich habe gelogen. Ich liebe dich nicht. Ich liebte dich nie. Zwei Jahre lang habe ich dir ein Gefühl versichert, von dem ich hoffte, es würde sich bald einstellen‘. Die Erinnerung an das Zittern ihres Kiefers überlagerte die seiner Worte.

Das Bild von Tobias, der dann vor ihr auf die Knie gefallen war, kam ihr plötzlich wieder ins Gedächtnis. ‘Deshalb will ich dich heiraten‘, hatte er gesagt. ‘Ich liebe dich nicht aber ich mag dich. Du machst mich nicht verrückt aber gelassen. Wenn ich dich flirten sehe, geht das ohne Eifersucht an mir vorüber. Wenn du weg bist, fehlst du mir in Maßen. Wenn du um mich bist, bist du einfach da. Unser Leben gefällt mir. Ich will dich für immer einfach mögen‘. Darauf folgte nur noch das bebende Schreien ihrer sonst zarten Stimme. Schreie die sich gegen eine plötzlich empfundene Ungerechtigkeit auflehnten.

Jetzt starrte sie nur auf den fehlenden Strich über dem ‘ú‘.

Es sollte ‘Nimm mich zurück‘ heißen. Sein Rechtschreibfehler war schuld daran, dass sie nur noch das Wort ‚Ruck‘ vor Augen hatte. Ein Gefühl unendlicher, wenn nicht unmöglicher Überwindung überfiel sie. Ist es nicht besser ein Leben lang gemocht als nur am Anfang geliebt zu werden? Könnte einer lieben und der andere nur mögen? Waren das Mittelmaß und die Konstanz mehr wert als die Höhen und Tiefen der Liebe?

Der fehlende Strich über dem ‘ú‘ ärgerte sie jetzt maßlos. Auf einmal führte sie den Ursprung des vergessenen zweiten Strichs auf eine Gleichgültigkeit und Lethargie Tobias‘ zurück, die sie ihm vorher nie zu unterstellen gewagt hatte. Wie berauscht von ihrer Einsicht, schob sie ihren Stuhl zurück, griff ihre Jacke und verließ das Café Bleibe.

Als die Kellnerin Carols Glas und ihr unberührtes Sandwich abräumte, legte sie einen kleinen, abgegriffenen Zettel mit auf ihr Tablett.

(INFO: Um dem Schreiben wieder mehr Gewicht in meinem Leben zu verleihen, habe ich beschlossen, so häufig wie möglich Kurzgeschichten zu verfassen. Ich bitte Freunde, mir drei Worte oder Wortgruppen zu nennen, die meiner Geschichte Struktur verleihen und wortwörtlich darin vorkommen.

Für diese Kurzgeschichte wurden mir die Worte: ‚Americano mit Milch‘, ‚kaltes Sandwich‘ und ‚Rechtschreibfehler‘ vorgegeben. Wer Gefallen an meiner Schreibe findet, wird herzlich gebeten, mir  seine Vorschläge in der Kommentarbox zu schicken. )

Wimpern-Aahnja

“Schwarzblau Wimpern viele finden gut wegen Glitzern aber für mich einfach schwarz natürlicher.“ Als Aahnja, geschrieben wie gesprochen, mich fragt, welche Farbe ich für meine Wimpernfärbung wolle, denke ich noch, wir sprächen über Braun-Nuancen, Asche-Töne oder Karbonschwarz. Betont gleichgültig überlasse ich ihr die Entscheidung. Jetzt kleben zwei Papierstreifen unter meiner unteren Wimpernreihe und ein Wattestäbchen schmiert meine Augen mit Farbe zu, die auch hellblau oder pink hätte sein können. Schweiß rinnt meine Handflächen hinunter. Ich habe klare Anweisungen bekommen: “Augä zu!“ “Nicht zwinkern!“ “Auch nicht zucken!“ Nichts leichter als das, wenn ätzende Flüssigkeit  über deinem empfindlichsten Sinnesorgan verteilt wird.

Beim Einpinseln stößt Aahnja immer wieder gegen meinen Dutt, piekt mit dem Zeigefinger meine Wangenknochen an und schiebt meinen Kopf grob von links nach rechts. In der Salon-Broschüre stand etwas von “Es kommt uns darauf an, den Kunden vollkommen zu verwöhnen.“ Als das beschlossen wurde, war Aahnja wahrscheinlich gerade Gewichte heben. “Zehn Minute ich komme wieder. Augä schön zu!“ Augä hat sowieso Angst vor ihr.

Neben die beständige Angst zu erblinden, gesellt sich nach fünf Minuten die Befürchtung, mit dem wackeligen Friseurstuhl umzukippen. Später wird mir leicht schwindelig weil durch die waagerechte Lage zu viel Blut in meinen Kopf fließt. Unterbrochen vom Pusten eines Föns, dröhnt “Du bist Hammer“ von Culcha Candela durch die Anlageboxen. Die hohen Metall-Absätze ihrer Kollegin begleiten den Takt mit rhythmischem Klackern.

Ob meine Tasche noch da ist? Mit geschlossenen Augen versuche ich sie auf der Armatur zu ertasten und finde den Riemen. Prinzipiell stimmt wohl der Grundsatz, dass Ärzte und Friseure reine Vertrauenssache sind. Die 20-Jährige im Stuhl neben mir, mit den aufgemalten Augenbrauen und den uringelben, verlängerten Zotteln auf dem Kopf, hätte mein Grund sein sollen, mich höfflich zu verabschieden und dann kreischend wegzurennen. Doch jetzt liege ich eben hier.

Als aus zehn schon 20 Minuten geworden sind, nähert sich Aahnja. Ich kann sie am Schritt erkennen – die Gummisohle ihrer Turnschuhe quietscht auf dem Fliesenboden. “3 Minute extra für extraschön.“ Aha, denke ich. Noch im Vollbesitz meines Augenlichts, habe ich beobachtet, wie Aahnja ihre gescheitelten, rot gefärbten Haare borstenartig zu einem Zopf gebunden hat und ihr Kunstwerk mit einer halben Dose Haarspray fixierte. Anschließend schweift ihr strenger Kontrollblick über das Spiegelbild ihrer gedrungenen Figur. Ich traue “extraschön“ kein bisschen.

“There’s ay fire burning in my heart…“, singt Adele in voller Lautstärke. 30 Minuten verstreichen wie eine gefühlte Stunde und meine Augen fangen an zu brennen. Zukneifen und zusammenreißen. Ich höre, wie der alte Mann, der zeitgleich mit mir an der Reihe war, von Aahnja fertig geschnitten wird und sich höflich verabschiedet. Er ist also der Grund meiner “extraschönen“ Wimpernbehandlung. Dann rammelt sie wieder gegen meine Frisur. “Jetzt fertig aber Augä zu.“ Die gehen sowieso nie wieder auf. Dann packt sie das ganze Gewicht ihres stämmigen, kleinen Körpers in das Wattepad unter ihrem Zeigefinger und drückt auf meinen Augäpfeln rum, als wären sie Bläschenfolie. Ich überlege ob ich ihr einen Karrierewechsel in die russische Kugelstoßerbranche nahelegen soll. Zu früh! Noch hat sie mich in ihrer Gewalt und kann mich mit schwarzen Panda-Augen den Salon verlassen lassen. “Jetzt Augä ausruhen.“ Augä brennt und möchte ihr am liebsten wehtun.

Fünf Euro, einen zerzausten Dutt und einige angeknackste Nerven später, ist das optische Resultat ernüchternd. Mit etwas trüber Sicht schaffe ich es doch nach Hause. Ich schwöre mir, nie wieder einen Billig-Friseur in Bahnhofsnähe zu besuchen und empfindliche Körperstellen unter keinen Umständen wieder in die Hand von notorischen Grobmotorikern zu legen. Dann fliegt der alte Mascara in den Müll, ein Gutes hatte der Tag nämlich trotz allem – weniger Plastik.

Plastiksche Schönheit

Ich quetsche an meiner Zahnpastatube wie ein Hungernder an einer Bananenschale. Morgens unter der Dusche drücke ich das letzte Zitronenduschgel, Shampoo und Spülung aus der Plastiktube in die Handfläche. Deo, Wattepads, Demake-up, Wasch-Gel, Toilettenpapier und meine Kosmetika stehen artig aufgereiht vor dem Spiegel – ein Kunststoffparadis vor dem Herrn. Nach 25 Tagen gehen langsam die Produkte zur Neige, die früher wie selbstverständlich in meinem Badezimmer standen. Anders als letzten Monat, habe ich heute jedoch keine Ahnung, wie ich ihr biologisch abbaubares Äquivalent auftreiben soll. In dem hilfreichen Kein Heim für Plastik-Blog  ist zu lesen, dass man auch Kochsalz und Backpulver zum Zähneputzen verwenden kann – ich bete, dass eine B-Variante dazu existiert.

Also mache ich mich auf… und frage… und reagiere immer abgebrühter auf das Kopfschütteln der Verkäuferinnen. „Plastikfrei? Sind Sie denn auf einen Bestandteil des Plastiks allergisch?“, fragt mich eine verständnisvoll wirkende Apothekerin. Ich verneine, will aber wissen, ob es so etwas wie eine Plastikallergie denn überhaupt gibt. Mit Blick auf das ordentlich eingeräumte Regal mit der Gesichtspflege sagt sie in unsicherem Ton: „Das weiß ich nicht. Nach plastikfreien Produkten wurde ich aber noch nie gefragt.“ Dann verabschiedet sie mich mit einem ratlosen Lächeln.

Beim Hinausgehen betrachte ich die Naturkosmetik von Dr. Hauschka und Weleda. Beide achten zwar auf ihre Inhaltsstoffe, doch nur wenig auf die Verpackung. Trotzdem finde ich bei Dr. Hauschka einen kleinen Kajalstift ohne Plastikkappe. Welch Triumph! Die einzige Hautcreme, die ich später in der Drogerie und im Bioladen sehe, ist von Lavera Basis sensitiv – sehr zu empfehlen.

An alle Männer: Jetzt kommt ein, wenn auch lesenswerter und in groben Zügen erzählter Teil über Tampons!!! Bei Angstschweißausbrüchen den nächsten Absatz einfach überspringen.

Die Suche nach Tampons, die nicht einzeln in Plastik verschweißt sind, gerät wie befürchtet zur Farce. Ich schüttele wieder, mache sogar scheinbar unbeobachtet einen der Kartons leicht auf, um kurz reinzuschauen. Dann habe ich aber doch Angst, vom Kaufhausdetektiv in Handschellen abgeführt zu werden – wegen Tamponspionage. Selbst in den Bioläden sind die 100 Prozent Cotton-Tampons so verpackt, dass man nicht reingucken kann. Als ich den bärtigen Kassierer noch schnell danach frage und weiß, dass er keine Antwort für mich haben wird, ruft mir eine Frau mit Allwetterjacke und Wollmütze von weiter hinten aus der Schlange zu: „Die sind alle einzeln eingeschweißt“. Dann guckt sie ein bisschen bedröppelt, als würde sie sich mit mir ärgern. Gute, alte Schwarmintelligenz. Ich bedanke mich für ihre Auskunft. Kurz darauf fällt mir wieder der an gut gemeinter Gehässigkeit kaum zu übertreffende Vorschlag einer Freundin ein: „Versuchs doch mal mit Mooncups.“ Was sich nach einem Dessert mit porösem Zuckerguss anhört, ist in Wirklichkeit ein glockenförmiges Kautschukungetüm, das an die Stelle des Tampons geklemmt wird und bei regelmäßigem manuellen „Ölwechsel“ in keinem öffentlichen Blutbad enden sollte. Russisches Roulette für Menstruierende.

In einer DM-Filiale stoße ich auf Wattepads und Ohrstäbchen mit Bioplastikverpackung, also aus kompostierbarem Biokunststoff. Der Brockhaus definiert sie als „kunststoffanaloge Werkstoffe, die vollständig oder zu überwiegenden Anteilen aus Biopolymeren erzeugt und unter Anwendung der für Kunststoffe üblichen Verfahren modifiziert werden“. Ausgangsstoffe für Bioplastik sind Stärke und Cellulose, gewonnen aus Mais, Weizen und Kartoffeln. Weil ich mir trotzdem nicht sicher bin, ob ich damit eventuell mehr Schaden verursache, lasse ich es erst einmal im Regal liegen.

Auch plastikfreies Toilettenpapier scheint vom Kunden einfach nicht mehr gewollt zu werden. Die beste Alternative bietet da wohl das 3-lagige von DANKE mit dem blauen Umweltengel. ODER die freundliche Putzfrau vom Arbeitsplatz meines Mitbewohners, die ihm, nach kurzer Erklärung der Lage, unaufgefordert sechs Rollen Klopapier in die Tasche schmuggelte. Sehr nette Frau – eine Dauerlösung muss aber anders aussehen.

Doch nichtsdestotrotz fehlt mir immer noch ein ganzer Haufen Kosmetik- und Hygieneartikel die nachgekauft werden müssen. Wo es viel Auswahl gibt, habe ich vielleicht ein Quäntchen Glück. In der Kauflinger Straße in München gibt einen Douglas Megastore, einschließlich der markanten Duftmischung, lauter Musik und krassen Farben. Eine blondierte Verkäuferin mit nachgezeichneten Brauen und falschem Leberfleck, will mir behilflich sein – noch. Kosmetika ohne Plastik. Die dicken Augenbrauen ziehen sich nach oben, die Augen rollen ein bisschen und ihre Schultern senken sich. Ein langgezogenes „Ääähhhhhh“ bringt ihre Stimmbänder zum Vibrieren. Das dachte ich mir schon. Zwei weitere Kolleginnen versichern mir, dass hier kein einziges Kosmetik-Produkt plastikfrei ist. Die Blondine fragt mich dann nach meinen Beweggründen. Ich versuche in die eine Minute, die sie mir geben wird, all meine Überzeugungskraft zu stecken: „Mit dem bisher produzierten Plastik könnte man den gesamten Erdball sechs mal umwickeln…“ Doch während ich noch rede, lucken ihre Klimperwimpern schon nach links und rechts, kurz darauf spricht sie eine andere Kundin an. Mir wird klar, dass sie ihrem Freund abends erzählen wird, dass irgendeine Kundin kein Plastik mehr kauft – verrückt – und dann, ganz unbeeindruckt, zur Tagesordnung übergehen wird.

Ein Laden, der sich ziemlich gut zum selbstgemachten Kosmetika-Shoppen eignet, ist LUSH. Gleich drei Verkäuferinnen treten auf mich zu und fragen in einem etwas übertrieben freundlichen Tonfall, wie sie mir helfen können. Mir kann und muss in jedem Fall geholfen werden! Es duftet wie im Schlaraffenland für Seifenfetischisten. Ob Kunde oder Angestellter, alle haben irgendwie bronzefarbenen Glitzer im Haar, so als wären sie gerade aus einer Seifenblase geklettert – es kommt von den vielen Badekugeln. Eine anderes Mädchen mit Mütze rennt die ganze Zeit mit psychodelischer Kringelseife am Stöckchen durch die Gegend und verspricht eine Osterüberraschung, die sich gewaschen hat.

Meine Shampooberaterin hat weniger Haare auf dem Kopf als ein Minischnauzerwelpe am Körper; die blonden Seiten abrasiert und den Lidstrich kerzengerade über dem Auge gezogen, fragt sie mich nach meinem Haar. Na das siehste doch, denke ich. „Blond, dick, lang, unkompliziert und bitte plastikfrei.“ Sie reibt mir einen giftgrünen Klumpen mit getrockneter Kamille unter die Nase: Es duftet nach Patschuli, Zitrone und Wildorange. Und weil bei Lush alles Vornamen hat, kommt Karma Komba mit mir nach Hause. Den Jungle Conditioner mit Feige und Avocado nehme ich auch gleich mit. Soweit so gut. Einfach mit Wasser anfeuchten, in die Hände reiben und danach ins Haar. Ein dickes Stück Feigenseife und eine Aufbewahrungsbüchse finde ich außerdem.

Mein neues Deo sieht aus, wie ein Klumpen Walspeck und hat den irritierenden Namen Aromaco – obwohl es durch den Natronanteil wie etwas riecht, das ursprünglich zur Schädlingsbekämpfung gedacht war – oder wie etwas, mit dem Schädlinge wiederum ihre Schädlinge in voller Inbrunst bekämpfen würden. Da sobald nicht damit zu rechnen ist, von jemandem unter der Achsel  beschnuppert zu werden, kommt auch dieser Klumpen mit. Gefunden ist gefunden!

Selbst die Plastikverpackungen bei Lush sind aus bereits recyceltem Plastik gemacht und können dort jederzeit wieder abgegeben werden. Es gibt keine Plastiktüten, nur gelbe Tütchen aus Recyclingpapier, die amüsanter Weise auch noch mit dem Verbraucher reden: „Is there life after lush?“ fragt mich die Aufschrift auf der Tüte und antwortet gleich mit „put it in with your paper recycling“.

Dann entdecke ich eine Streichholzschachtel große Pappverpackung, die ich für Minzdrops halte: Zahnpasta in Pastillenform – Bingo! Um auf Nummer sicher zu gehen, kaufe ich die, mit dem Pfeffigeschmack, lasse mir aber ein Pröbchen von der Rosengeschmacksvariante mitgeben.

Zuhause angekommen, bestelle ich noch ein LushMake-up im Gläschen mit Deckel aus Recyclingplastik online. Dann muss probiert werden: Der Shampootaler schäumt was das Zeug hält, die Seife ist so reichhaltig, dass man das eincremen später getrost weglassen kann und es riecht einfach nur frisch und aromatisch. Im Schlafanzug stehe ich vor dem Spiegel und betrachte ziemlich skeptisch die kleine Zahnputzschachtel. Ich stecke das Rosen Chou Chou Toothy Tab (So würden nur Prinzessinnen oder Zugfahrer ihre Zahnpasta nennen…) in den Mund, zerkaue es wie in der Anleitung beschrieben und kämpfe die ganze Zeit dagegen an, es herunterzuschlucken. Es schmeckt fast, wie die Kirschzuckerpillen, die wir als Kinder immer reihenweise aus den Plastikspendern mit den Cartoon-Köpfen genascht haben. Dann putze ich mit der Zahnbürste und innerhalb kürzester Zeit schäumt es vor meinem Mund wie bei einem schlimmen Fall von Tollwut. Die Zähne sind glatt, feste Zahnpasta funktioniert prima.

Heute war ein hervorragender Tag. Beim Einschlummern denke ich noch über Disziplinarmaßnahmen für die Menschheit im Umgang mit Plastik nach. Dieser Green Car Spot von Audi zum Super Bowl 2010 kommt dem sehr nahe. Frohes Schlummern meinerseits.

Die Plastikallergie

Wenn sich Menschen in die Enge getrieben fühlen, tun sie für gewöhnlich Dinge, auf die sie im Nachhinein nicht besonders stolz sind. Ich bin da keine Ausnahme. Auf der Suche nach einer Edelstahlbrotdose begutachte ich jedes einzelne Regal in der Haushaltswarenabteilung des Karstadts und werde nicht fündig. Eine Verkäuferin mit grau gewelltem Haar sortiert gerade zwei Plastiktrinkflaschen ein.

„Entschuldigung – gibt es bei Ihnen auch Vorratsdosen aus Edelstahl?“

„Nein.“ Das kam knackig.

„Nur Plastik?“, frage ich skeptisch.

„Ja, es sei denn, Sie wollen Brotzeitdosen – da haben wir eine einzige“, antwortet sie kühl. Stimmt, wir sind in Bayern, da heißt das Brotzeitdose…

„Kommen Sie, ich zeige sie Ihnen“, in ihrer Stimme liegt ein osteuropäischer Akzent, den ich nicht genauer zuordnen kann. Die rahmenlose Brille verhärtet ihre Gesichtszüge noch zusätzlich.

Wir laufen regalweise an Plastikcontainern vorbei, bis sie auf Knöchelhöhe eine vereinsamte Edelstahldose von SIGG aus dem Sortiment zieht. Die Büchse ist in Plastik eingeschweißt, sieht sonst aber prima aus. Leider kostet Sie so viel, wie ein ganzer Einkauf im Discounter – 25 Euro. In Gedanken bin ich schon auf Ebaysuche.

„Warum wollen Sie denn kein Plastik?“

„Weil es nicht gut ist“, schießt es ein bisschen zu schroff aus meinem Mund.

„Wie meinen Sie das?“, fragt Sie beharrlich weiter und zieht ihre akkurat gezupfte Augenbraue nach oben.

Ich gerate unter Druck. Es würde mich nicht überraschen, wenn sie jetzt einen Scheinwerfer auf mich richtet und mich anschreit endlich auszupacken, weil der KGB meiner Familie sonst schlimme Dinge antun wird. Ich könnte natürlich die Umweltkarte spielen, aber um dieser endlosen Erklärungsspirale schnellstmöglich zu entkommen, sage ich Folgendes – ganz sachlich: „Ich habe eine Plastikallergie.“

Plastikallergie. Es rutschte einfach so raus.

Auf einmal werden ihre Augen ein bisschen größer und ihr zusammengekniffener Mund weicher:

„Oh, das tut mir leid. Ich habe so etwas Ähnliches.“

Ich bin baff – wie kann sie die soeben von mir erfundene Allergie haben? Sie spricht weiter:

„Wissen Sie, ich fühle mich nicht wohl mit Plastik. Ich mag es gar nicht. Sehen Sie die Büchse, die die Frau dort in der Hand hält? Die Firma EMSA macht sie und hat bis vor einigen Jahren noch in China produziert. Das Plastik hatte eine billigere Zusammensetzung als heute. Man weiß ja nie, was drin ist! Jetzt sitzt der Betrieb wieder in Deutschland – aus Qualitätsgründen. Bei mir im Kühlschrank steht alles in Glascontainern. Ich vertraue Kunststoff einfach nicht“, besorgt holt sie kurz Luft, streicht ihren blauen Anzug glatt, schaut auf und fragt vorsichtig:

„Wie wurde die Allergie bei Ihnen festgestellt?“

Oh ha, ich improvisiere: „Durch einen Bluttest.“

„Und wie haben Sie es bemerkt?“

Ihre Betroffenheit macht mich ganz fertig. Mit so viel Anteilnahme hatte ich nicht gerechnet.

„Mein Arzt ist sich ziemlich sicher, dass mein Schwindel und Ausschlag von bestimmten Bestandteilen des Plastiks kommt“. Ich fühle mich schuldig die gute Frau so anzulügen. Sie fragt weiter, in immer behutsamerer Stimmlage:

„Und was machen Sie jetzt? Ich meine, wie wollen Sie einkaufen? Es ist doch überall drin? Welche Kleidung kaufen Sie?“

Dieses Gespräch muss enden, damit ich später noch in den Spiegel schauen kann. Ich erkläre ihr, dass die Diagnose noch frisch ist und ich mich erst umorientieren muss. Ich will nur noch Baumwolle tragen und versuche allmählich Plastik aus meinem Haushalt zu verbannen. Zum Abschluss zeigt sie mir noch ihre Glascontainer, die leider einen Plastikdeckel haben. Freundlich verabschieden wir uns voneinander – am Ende mag ich sie so gerne, dass ich mir vorstelle, ab und an einen Tee mit ihr trinken zu gehen und über Plastik zu philosophieren. Eine Edelstahldose habe ich jetzt dummerweise immer noch nicht.

Shake it, babe!

Nach meinem nettotastischen Einkauf, muss ich zwei Tage später schon wieder ran. Besser vorbereitet: Sechs Jutebeutel sind meine Begleiter zum Tengelmann Supermarkt.

Die Filiale gehört zur Kaiser‘s Tengelmann GmbH und proklamiert zumindest auf ihrer Website die eigene Ökopolitik: Fairtrade, nachhaltige Fischpolitik, ein deutschlandweit erster Klimamarkt und ein PCF-Projekt, das Artikel kennzeichnet, die der Umwelt durch den CO²-Ausstoß bei deren Produktion besonders schaden. Außerdem will Kaiser’s Tengelmann bis 2020, ganz im Sinne des Kyoto-Protokolls, die Emission der klimaschädlichen Treibhausgase im Unternehmen um 20 Prozent reduzieren. Die Latte liegt hoch und meine Erwartungen in puncto Plastikfreiheit auch.

Der erste Schritt führt mich an die Obst- und Gemüsetheke, die in fast jedem Supermarkt immer am Anfang zu finden ist. Ein sehenswerter Beitrag bei Hart aber Fair erklärt warum: Diese Abteilungen bremsen den Konsumenten. Wer aus dem Grau des Straßenlärms in den warmen Supermarkt geht, soll seine Aufmerksamkeit erst einmal auf die Farbigkeit des Sortiments richten, anstatt zu den wenigen Produkten zu hasten, die ihm noch für das Abendessen fehlen. Der dünne Nebel, der die Ware kühlt, versichert uns die absolute Frische der Produkte. Auf einmal sind wir in Einkaufslaune, obwohl wir doch nur eine Kleinigkeit besorgen wollten.

Es gibt zwar portionierbares Gemüse, doch an Papiertüten hat hier noch keiner gedacht. Alles muss lose in den Korb: Äpfel, Tomaten, Salat, Paprika, Kohlrabi und Romanesco – eine Art mutierter Blumenkohl. Ich ahne schon, dass die Kassiererin und ich keine dicken Freunde werden.

Dann trete ich vor das Bio-Regal und alles glitzert sauber – in Folie. Überall Fairtrade und Bio-Siegel. Grüne Verpackungen suggerieren: “Mich kannst du kaufen, weil ich ganz doll bio bin!“ Nur Mehl und brauner Zucker sind komplett in Pappe. Ich bekomme schlechte Laune – Wieso produzieren alle halbe Sachen? Wir behandeln die Bauern jetzt richtig (Händeklatschen in allseitiger Zustimmung), aber die Umwelt – hach, darum kümmern wir uns später, wenn der Fisch auf dem Teller drei Augen hat, oder es überhaupt keine Fische mehr gibt, weil die an den vielen Plastikpartikeln in ihren Mägen verhungert sind (belächelndes Abwinken in allseitiger Zustimmung) – später! Das kann doch alles nicht wahr sein. Ich kaufe also keine Bioprodukte ein.

Dann wird sich Gang für Gang durch den Laden gearbeitet. Die Auswahl ist eingeschränkt – wie immer. Die Kühltheke tabu – bis auf zwei winzige Reihen mit 1,5 prozentiger Flaschenmilch, einem Glas Sahne und Jogurt. Ich kann mich sogar noch daran erinnern, wann ich das letzte Mal Milch in Flaschen gekauft habe: Auf dem Dorf bin ich als Kind, mit ein paar Mark in der Hand und wehendem Kleidchen, oft dem Wagen des Milchmanns hinterhergerannt – gelohnt hat es sich immer, denn er war auch unser Eismann.

Schnell etwas einkaufen, das geht nicht mehr. Cornflakes, Müsli, Reis, Pizza – fast alles in Pappkartons ist innen zusätzlich in einer Plastiktüte verschweißt. Wäre ich fünf Jahre alt, hätte ich einen Heidenspaß daran, jede einzelne Verpackung wild aufzureißen und zu schauen, ob Plastik drin ist. Ich stelle mir das nervös zuckende Gesicht des Supermarktleiters, der mich dabei beobachtet, vor, und die beiden abgerichteten Rottweiler, die mich mit dicken, tropfenden Fäden Hundesabber vor der Schnauze aus dem Markt jagen. Deshalb schüttele ich die Kartons lieber. Ich schüttele, als gäbe es kein Morgen mehr. Knistern heißt Plastik. Klappern heißt kaufen.

Aber manche Verpackung ist so komisch zusammengesetzt, dass ich nicht genau sagen kann, woraus sie besteht. Graues Plastik ähnelt Metall, fasst sich auch genauso an, es knickt sich nur leichter. Ich rieche und betaste eine Packung Gänsepastete – Alu. Dann schiebe ich den Korb weiter, und sehe wie die Frau, die mich eben noch amüsiert gemustert hatte, nun selbst irritiert an einer Konserve riecht. Nachahmer sind mir willkommen.

Hinter der Frischetheke klappert der Käsemann mit den Pfandflaschen. Ohne die Hände zu waschen, schneidet er anschließend ein paar Käsescheiben und reicht sie einer älteren Dame. Es gibt anscheinend noch andere Dinge, auf die ich hier freiwillig verzichten werde.

Ich habe vorerst genug und schiebe den Wagen in Richtung Ausgang. Die Kassiererin ist in meinem Alter, um die 25 Jahre, und zieht ihre Kajalstift gefärbte Augenbraue nach oben, als ihr die losen Tomaten einzeln von der Waage rollen. Das hatten wir geahnt. Sie schaut aber nicht in meine Richtung. Während ich die Geheimzahl in das Kartenlesegerät eingebe, begutachtet sie ihre künstlichen Fingernägel – an den Spitzen hellblau, durchzogen von einer lila Spirale. Manche Menschen vertrauen so sehr auf Plastik, dass sie es sogar zu einem Teil von sich machen – zu einem freiwilligen Fremdkörper.

Dann lifte ich meine Jutebeutel und staune nicht schlecht über ihr Gewicht. Glasflaschen und Metallkonserven wiegen so einiges mehr als ultraleichtes Plastik. Im Film würde jetzt ein schöner,  junger Mann aus einer Seitenstraße kommen, mich wie zufällig anrempeln und die Taschen in seine starken Hände nehmen, um sie zu mir nach Hause zu tragen. Dieser Film hatte wohl das letzte Mal in den Sechzigern gespielt. Angerempelt werde ich: Eine ziemlich rundliche Frau mit geblümtem Kopftuch und fehlendem Schneidezahn stößt, aus der Gegenrichtung kommend, mit dem Knie an meinen Flaschenbeutel. Auf Arabisch wünscht sie mir wahrscheinlich gerade Typhus oder Cholera an den Hals. Zynisch überlege ich auf dem Nachhauseweg, um wie viel größer blaue Flecken wohl werden, wenn sie von Glas- statt Plastikflaschen stammen, und vergesse dabei ganz, wie schwer meine Taschen noch gleich waren.

Netto ade

Eine Minute und zweiundzwanzig Sekunden – genau so lange brauche ich vom vierten Stock meines Wohnhauses bis zum Netto-Discounter. Nicht überraschend, dass ich aus Gründen der Bequemlichkeit deshalb selten woanders einkaufen gehe.

Mit meinem Plastik-Projekt im Hinterkopf versuche ich jetzt, wie immer dort einkaufen zu gehen. In der Obst- und Gemüseabteilung ist fast jedes Produkt in Plastik verschweißt. Vielleicht lassen sich ja Bananenschalen ganz köstlich zubereiten und müssen deshalb extra gut geschützt werden? Salat, Tomaten, Gurken, Paprika – im Plastikhimmel ist alles sauber mit Kunststoff umwickelt, entweder kilogerecht oder nach Stückzahl. Natur vs. Verpackungsindustrie. Es bleiben Mangos und Nashi-Birnen –  die so manchen Vielflieger im Flugmeilen-Sammeln schlagen würden. Eine Stange Porree wird meine kümmerliche Gemüseausbeute bleiben.

Ich bräuchte noch Brot. Mit der Metallzange in der Hand stecke ich ein paar Vollkornbrötchen in eine Papiertüte – und ziehe sie wieder heraus. Wozu hat eine nicht verschließbare Tüte ein Guckfenster aus Kunststoff? Damit ich ab und an einen Blick reinwerfen kann, um zu sehen, wie es den Brötchen so geht? Um zu kontrollieren, dass keiner heimlich reingebissen hat? Verrückte Idee, aber kann die Kassiererin zur Kontrolle nicht einfach von oben in die Tüte gucken? Genug der Idiotie – ich lasse die Brötchen lose in den Wagen purzeln.

In der Wurst-, Käse- und Tiefkühlabteilung kann ich so lange suchen, wie ich will – ich muss verhungern! Porreebrötchen auf Lebenszeit.

Dann muss ich anhalten und ganz tief Luft holen. In der Haushaltswarenabteilung sieht es schlecht für mich aus: eingeschweißtes Klopapier, Zahnpasta, Duschbad, Deo, Watte und Seife. An die einzeln verpackten Hygieneartikel gar nicht zu denken. Sollte ich von nun an bei jedem Parkspaziergang Ausschau nach großen Blättern halten? Ich muss wohl zurück ins Mittelalter – oder als Selbstversorgerin in eine Kommune ziehen. Gut – da werden wir später kreativ. Eins nach dem anderen.

Eine Sorte Waschmittel im Karton. Gekauft. Ein paar Konserven. Gekauft.

Oh, es gibt auch einen einzigen Saft in Glasflaschen – Karottensaft. Widerwillig schafft auch er es zu meinem Plastik freien  Einkauf.

Genussmittelabteilung: Wein und Bier, richtig verpackt, im Überfluss. Sind Alkoholiker vielleicht sogar extrem umweltbewusste Menschen, die von der Verpackungsindustrie in die Sucht getrieben wurden? Ich könnte jetzt zuschlagen… vor meinem inneren Auge sitze ich am Frühstückstisch, ein Helles vor der Nase, wahlweise auch ein großes Glas Karottensaft, das grüne Porreebrötchen auf dem Teller. Mir wird flau im Magen. Mein quietschender Korb rollt Richtung Kasse.

Vor mir steht ein Mann mit grauen Haaren, stoppeligem Kinn und verschorften Schrammen im Gesicht. Ein süßlicher Geruch dringt zu mir durch. Ich lächele ihm zu, was er eventuell fehlinterpretiert, und denke noch: „Antiheld und Verpackungsvorbild.“  Dann packt er sechs Flaschen Bier und zwei Plastiktüten auf das Band. Es wäre auch zu schön gewesen.