Der Zusammenstoß

Hilde lehnte sich gegen den Beckenrand und blickte Bahn für Bahn über das wogende Wasser und die Menschen die darin schwammen. Sie zupfte an ihrer rot geblümten Badehaube und steckte ihre goldenen Ohrringe zusammen mit einer weißen Haarsträhne noch ein bisschen tiefer hinter das Gummi. Sie tat es aus Angst, sie zu verlieren und für den Rest des Tages den Beckengrund nach ihnen entlang tauchen zu müssen. Dafür bekam Hilde heute zu schlecht Luft.

Dann nahm sie ihren Fuß von der rettenden Kante und ließ sich langsam ins tiefere Wasser gleiten. Die seichten Wellen bewegten ihre Brüste und die Haut ihres Dekolletés stärker als früher. Sie hatte sich über die vielen Jahre verändert. Auch der schwarze Badeanzug, an dem sie so hing, war mit der Zeit schon abgetragen und etwas ergraut.

In der Schwimmhalle wurde keine Musik gespielt. Hilde fragte sich, ob dieses neumodische, kleine Abspielgerät, das jetzt sogar ihre Freundin Anneliese von ihren Enkeln geschenkt bekommen hatte, wohl auch unter Wasser funktionierte? Sie fand den Gedanken daran herrlich, wie schwerelos durch das Wasser zu gleiten und Heinos tiefer Stimme zu lauschen: ‘Rosamunde, schenk mir dein Herz und dein ‚Ja‘,(…) Rosamunde, glaub mir auch ich bin dir treu, denn zur Stunde, Rosamunde, ist mein Herz gerade noch frei‘.  Innerlich seufzte sie. Dann traf sie der Arm eines kraulenden Schwimmers hart am Kopf. Ein Schmerzensschrei entfuhr ihr. Sie strampelte gegen das Wasser an und musste kurz ihre Fassung zurückgewinnen.

‘So ein Beckenrowdy!!! Was glauben Sie, wer Sie sind, junger Mann?‘, brüllte Hilde.

‘Das tut mir wirklich leid, auf einmal waren Sie auf meiner Seite der Bahn. Ich habe Sie nicht kommen sehen. Soll ich den Bademeister rufen?‘, fragte er in ruhigem Tonfall.

‘Es geht schon. Ich will mich nur kurz hinsetzen.‘ Erst jetzt bemerkte Hilde die stahlblauen Augen und das entschuldigende Lächeln ihres Angreifers. Er begleitete sie zum Beckenausstieg und reichte ihr zur Sicherheit die Hand. Als Hilda aus dem Wasser war, griff sie augenblicklich nach ihrem Handtuch, um ihre adrigen Beine zu bedecken. Der junge Mann folgte ihr und als sich seine starken Oberarme an der Leiter emporzogen, konnte Hilde nicht anders, als auf die definierten Muskeln seiner Brust zu schauen. Jetzt schämte sie sich wieder und schlurfte mit ihren Badelatschen in Richtung einer Steinbank, auf der sie ihre Sachen in einem Stoffbeutel aufbewahrte. Der junge Mann wich ihr nicht von der Seite.

‘Ist ihnen nicht gut?‘, fragte er sie fürsorglich. ‘Ich bin, Theo. Möchten Sie einen Schluck Wasser?‘

‘Es geht schon.‘ Hilde bemerkte, wie sie sich in Gedanken verlor. Ihr Blick haftete auf den Wassertropfen, die langsam an seinem Bein abperlten, an seinem Knöchel vorbeihuschten und unter dem Fuß verschwanden. Dann spürte sie zwei Finger an ihrer Schläfe und erschrak erneut.

‘Keine Angst, ich bin Krankenpfleger. Ist nur ein bisschen gerötet, die Stelle. Es  wird bestimmt eine Beule‘, sagte Theo und blickte dabei auf ihrem Kopf. Er war ihr so nah gekommen, dass sie seinen Atem an ihren Ohrläppchen spüren konnte. Plötzlich empfand sie abwechselnd Hitze und Schwindel. Wie durch eine Bewegung aus einer Zeit, in der sie noch ein junges Mädchen gewesen war, befreite sie sich aus seiner Nähe, indem sie die Badehaube abzog und sich durch ihre weißen Locken wuschelte. Vor vierzig Jahren war sie schön gewesen und hatte Männer zu beeindrucken gewusst. Heute war sie aus der Übung mit solchen Dingen.

‘Sie tragen hübsche Ohrringe‘, kokettierte Theo, wie um den Unfall wieder gut zu machen.

‘Danke. Aber das müssen Sie nicht sagen‘, antwortete Hilde und zog eine Schachtel Kekse aus ihrem Stoffbeutel. ‘Möchten Sie einen?‘

‘Darf man hier denn überhaupt essen?‘

‘Man darf, was man macht, solange die anderen nichts mitbekommen‘. Jetzt musste Hilde über ihre eigene Aufmüpfigkeit grinsen. Theo auch. Ihre fleckige, knöchrige Hand legte einen Keks zwischen seine starken Finger.  Wie zwei Kinder schoben sich beide die Kekse in den Mund und freuten sich über ihr geteiltes Geheimnis.

‘Sie zittern ja‘, sagte Theo und wickelte sich ohne zu überlegen das Handtuch von der Hüfte, um es Hilde über die Schultern zu legen. In einem Anflug von Ablehnung wollte Hilde kurz Einspruch einlegen, ergab sich dann aber Theos Gutmütigkeit. Er stand vor ihr, lächelte und sagte: ‘Ich muss noch ein paar Bahnen schwimmen. Lassen Sie das Handtuch einfach auf der Bank zurück. Vielleicht sieht man sich ja noch mal wieder?‘

‘Bestimmt‘, hörte sich Hilde leise sagen.  Ihre Augen verfolgten die leichte Bewegung seiner Pobacken, bis er an der Beckenkante angelangt war und mit einem Satz kerzengerade durch die Wasseroberfläche schnitt. Sie zog sein Handtuch ein bisschen fester um ihre Schultern und war erfühlt von einem Gefühl unbändiger Lebendigkeit. Von nun an würde Theo für sie aus der Masse der Schwimmenden wie eine Boje auf hoher See herausstechen.

(Für diese Geschichte wurde die Worte ‚Ohrring‘, ‚abgetragen‘ und ‚Stoffbeutel‘ vorgegeben.)

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Der schlafende Berg

Seine Physis gleicht der Topografie eines Gebirges:

Ein Kinn wie ein Felsvorsprung, porig und mit Stoppeln bedeckt.

Entlang der eingefallenen Wangen führt eine tiefe Falte zu den langen Nasenhöhlen, von deren Decke Haare wie Stalaktiten hängen.  Die kantige Nase bildet den steilen Gipfel.

Die Linien auf der Stirn ziehen sich wie übereinander gelagerte Sedimente zu den auf den Wangenknochen aufliegenden Schläfen. Eingebettet in eine Schicht aus schütterem Haar ruhen die kurvigen, langen Ohren, wie zwei stillgelegte Bergwerke, die ins Kopfinnere führen.

Die schmalen Lippen folgen dem seichten Luftstrom, der stoßweise aus dem zahnlosen Schlund entweicht.

Ein leichtes Heben der Brust – einzig der Atem verschafft ihm Bewegung.

Die dünnen Beinchen sind aufgestellt und zeigen spitz nach oben. Er zittert, Demenz und Parkinson lassen seine Glieder beben, wie Erdplatten, die sich übereinander schieben.

Ein Muskelzucken birgt die letzte Erschütterung.

Ausgedünnte Wimpernkränze umschließen die grauen Iriden, die wie Silbermünzen auf den tiefen Augenhöhlen ruhen.

In den Rillen zwischen Handknochen und Sehnen heben sich runde, blaue Adern empor, wie gewaltige Flüsse, die aus den krummen Fingern schließlich in die Falten des weißen Bettlakens zu münden versuchen.

Die dünne Haut an Armen und Beinen hängt und die Haare liegen in Reihe wie Getreidehalme auf einem Kornfeld.

Schulterknochen, Becken, Knie, Knöchel und Halswirbel sind steif und suchen ihren Weg aus dem schwachen Körper, der ihn ans Bett fesselt.

Auf dem Nachttisch steht neben dem Krankenbett ein Bild der Tiroler Berge. Er lächelt übers ganze Gesicht. Jung ist er, das braune Haar sorgsam gescheitelt, die Strümpfe bis unter die Knie gezogen. Seine Hand hält die einer blonden Frau in Lederhosen. Ihre geröteten Wangen bedeuten frische Luft.

Hier, im Krankenzimmer, schiebt sich, durch den schmalen Fensterspalt, klare an ausgeatmeter Luft nur mühsam vorbei.

Helga hat Kirschpralinen mitgebracht. Schokolade, das kennt er noch, und Helga. Beides verbindet er mit dem Glücklichsein.

Sein Körper, der Berg, hält ihn gefangen. 80 Jahre lang war er Antrieb und Mittel, steile Hänge und Geröll zu überwinden. Jetzt härtet ihn die Krankheit aus, wie ein Totenbett für die Seele, eine organische Grabkammer inmitten von Fels.

Oskar hat seine Zeit verlebt. Er erwartet ihn – den Tod, und schläft, um endlich zu entschlafen.

(Anders als die sprachlichen Vergleiche, sind die Beobachtungen dieser Geschichte nicht fiktiv. Die Namen wurden geändert. Ich habe den Text wiedergefunden und fand den Gedanken schön, ihn zu teilen, auch wenn er nicht mit dem 3-Worte-1-Kurzgeschichte-Konzept einhergeht.)