Der Gefangene

‚Glückseligkeit – wie abgedroschen das klingt‘, dachte Gary und biß ein großes Stück aus dem saftigen Burger zwischen seinen Händen. Dabei quoll ein bisschen Soße zwischen Fleisch und Salat heraus und tropfte auf seine Krawatte. Eine grobe Handbewegung verrieb den Mayonnaise-Fleck und daraufhin schenkte Gary ihm keine Beachtung mehr. Die Mittagspause war schon fast vorüber aber er empfand selten gekannte Träge und Widerwillen an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren.

Erst vor zwei Monaten hatte er eine Stelle in der Stadtverwaltung angenommen. Er kannte sein Aufgabenfeld, erledigte die meiste Arbeit bis kurz vor 15 Uhr und verbrachte die restlichen zwei Stunden des Tages damit, die Aktenordner im Stahlschrank nach Farben umzusortieren, den kleinen Bonsai auf seinem Schreibtisch zu beschneiden und anschließend ins rechte Licht zu rücken und auf Facebook den Status seiner aktuellen Laune anzupassen: ‚Feierabend in einer Stunde, tick tack‘. Sein kleines, dunkles Büro teilte er mit Frau Schneider, einer korpulenten Frau um die sechzig. Nach ihrem exakten Alter hatte Gary sich noch nicht zu fragen getraut.

Wenn sich Frau Schneider in der Küche einen Tee aufbrühte und wie immer in einen belebten Tratsch mit Frau Kühn vertieft war, kannte Gary noch ein anderes Mittel seiner Langeweile Herr zu werden: Er klickte sich mit der Maus und mit Kopfhörern auf den Ohren durch die Amateurvideos auf Youporn. Weniger erregt als voller Bewunderung, fragte er sich, wer sich da wohl selbst filmte? Was es brauchte, um sich in der absoluten Intimität seines Sein so der Welt zu zeigen? Er kam zu dem Schluss, dass die anderen vielleicht einfach nicht so viel nachdachten, wie er selbst. Im Ferienlager hatte er einmal eine Polaroid-Kamera in seine Turnhose gehalten, abgedrückt und das zugegebenermaßen recht unscharfe Bild Zahnspangen-Lisa schenken wollen. Es war wohl als Provokation gedacht; so genau wusste er es selbst nicht mehr. Stattdessen wickelte er einen Stein darin ein und schleuderte das Foto in den Tegernsee. Zu den Mutigen gehörte Gary nie.

Die Glocke für die Imbiss-Bestellungen riss ihn aus seinen Gedanken. Er hatte so langsam gegessen, dass der Hamburger anfing labberig zu schmecken. Gary saß auf einem Barhocker, die Ellenbogen auf die Tischplatte gestützt und schaute durch die große Glasscheibe von ‚Pete’s Mundpropaganda‚, hinaus auf den gegenüberliegenden Park.

Vor dem Fenster saß ein alter Mann auf einer Parkbank und schrie die Tauben an. Vielleicht brüllte der Alte mit dem grauen Haar auch über die Biester hinweg. Sein Blick war angsterfüllt. Dann sprang er auf und humpelte, das linke Bein nachziehend, Richtung Straßenkreuzung. Vor Schreck verlor Gary das Gefühl in seinen Fingerspitzen und der letzte Burgerbissen klatschte zurück auf die Papierfolie. ‚Was ist das?‘, hörte sich Gary sagen.

‚Was zur Hölle IST das?‘, hörte er sich jetzt hysterischer und lauter rufen. Auch die anderen Gäste schienen von der Erscheinung vor dem Fenster Notiz zu nehmen.

Gary war erstarrt vor Angst, er bildete sich ein, die kleinen Erschütterungen, die die Schritte seines Gegenübers verursachten, unter den eigenen Füßen zu spüren. Noch nie hatte er etwas so Schönes und zugleich Angsteinfloßendes gesehen. Der Fremde stand so dicht vor ihm, dass sein starker Atem die Scheibe beschlagen ließ. Die Reflektion von Garys entgleistem Gesicht spiegelte sich in den schwarzen Augen der Gestalt hinter dem Fenster wider.

Vor ihm stand ein Wildtier vom Ausmaß eines Lieferwagens. Ruhig schnaufend blickte er in den Imbiss und konzentrierte sich auf Gary. Die kunstvoll nach oben geschwungenen Hörner, das zottelige, lange Fell an den für einen solch langen, massigen Körper fast zu kurz geratenen Beinen,  und der Buckel hinter der verlängerten Halswirbelsäule: Es war ein Yak. Der Größe zufolge ein Bulle. Das fiel jetzt auch Gary wieder ein.

Eine Frau began zu reden und streckte ihr Smartphone in die Luft: ‚Der Zoo meldet Tierausbrüche aufgrund einer jugendlichen Randaliererbande. Zäune wurden aufgeschnitten, Gitterstäbe geknackt. Mehrere Raubkatzen streunen durch die Stadt. Es wird geraten nicht auf die Straße zu treten. Sie schicken gleich jemanden hierher.‘ Garys Herz bebte vor Aufregung. ‚Sie schicken gleich jemanden?‘, murmelte er. ‚Jemanden mit Gewehr? Jemanden der ihn zurückbringt, an einen Ort, an dem er dahinvegetiert? An dem sich sein Leben sterbenslangsam und vorhersehbar dahinzieht?‘ Seine Gedanken überschlugen sich.

‚Lauf!‘, flüsterte Gary. Er rutschte vom Hocker, beugte sich vor und redete eindringlich auf den Yak ein: ‚Lauf, los, geh endlich. Sie holen dich sonst.‘ Der Yak rührte sich nicht. Gary spürte die Verzweiflung in ihm aufsteigen: ‚Sie werden dich erschießen!‘ ‚LAUF! LOS! VERSCHWINDE!‘, brüllte er dem Yak entgegen. Das majestätische Tier ruhte immer noch vor dem Fenster und blickte ihn an. Garys Augen begannen zu brennen, eine winzige Träne lief über seine Wange. Er wischte sie mit seinem Ärmel fort und schrie jetzt aus seinem tiefen Inneren: ‚GEEHHH! SCHHHUCHH! VERPISS DICH JETZT! VERSCHWIIIINDE DU DUMMES VIEH! LOOOOOOOS!‘ Als wäre alles mit ihm durchgegangen, gestikulierte er dabei wild und schlug mit beiden Fäusten wuchtig gegen die Fensterscheibe. Jetzt begann eine Frau mit Kind panisch zu kreischen.

Ein tiefes Schnauben des Yaks ließ noch ein Mal die Fensterscheibe beschlagen und dann schritt er in dumpfen Bewegungen die Straße hinunter.

Erst jetzt, beim Anblick dieses Riesens in Wallung, hinter dem Glas, erkannte Gary, wer der eigentliche Gefangene war.

(Für diese Geschichten wurden die Wörter ‚alter Mann auf einer Parkbank‘, ‚Yak‘ und ‚Glückseligkeit‘ vorgegeben. Vorschläge? Dann her damit!)

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