Die Abwesende

Ein nach Atemluft ringendes Gurgeln drang durch die Wasseroberfläche ins Dunkel des Wohnzimmers. Männerhände gruben sich in den Schopf und die Schultern einer kindlichen Statur, die sich im vergeblichen Überlebenskampf aufbäumte und gegen das Ertrinken ankämpfte. Wenige Augenblicke später trieb ihr Kopf leblos im Wasser. Jetzt ließ die Hand los. Unwillkürlich brachen Tränen aus seinen Augen heraus.

Wie jeden Samstag widmete Silke einem kleinen Regal in der eichenen Einbauwand ganz besondere Aufmerksamkeit. Erst als sie alle Gegenstände daraus entfernt hatte, glitt sie mit dem Mikrofasertuch sorgsam über das Holz. Sie drehte die verstaubte Seite des Lappens nach innen und begann vorsichtig Ding für Ding einzeln abzustauben: Die kleine Vase mit den halb verwelkten Gänseblümchen darin, eine blonde Haarsträhne umwickelt mit blauem Schleifenband, einen Kerzenhalter in Form eines Teddybären und eine gerahmte Fotografie. Vor vielen Jahren hatten sie noch jeden Samstag frische Blumen von der Floristin besorgt, heute musste ein kleines Unkraut neben dem Gehweg reichen.

‘Silke, es kann nicht ewig so bleiben. Wir leben hier schließlich nicht im Museum‘.  Sie schluckte und überhörte das Gesagte, obwohl sie ahnte, dass ihr Mann Recht hatte. Dann griff sie noch einmal nach dem Foto, drückte ihre Lippen auf das Glas und stellte es zurück an seinen Platz. ‘Wenn sie wiederkommt, soll sie nicht denken, wir hätten nicht auf sie gewartet‘, sprach sie, wie zu sich selbst, in einem kaum hörbaren Ton.

Ihr Nachbar Willi saß im Haus nebenan in seinem Ohrensessel und streichelte liebevoll über den weißen Rücken eines Stofftieres, genauer gesagt, über den einer Plüsch-Miezekatze. In seiner Erinnerung hallte ein ausgelassenes Mädchenlachen. ‘Onkel Willi, zeigst du mir die Fische?‘, hatte sie ihn immer gefragt. Und dann ließ er Emma in sein Haus, schloss die Wohnungstür und während sie sich voller Begeisterung die Namen der erst neulich getauften Fische seines Aquariums ins Gedächtnis rief, hatte er nur Augen für ihre zierliche Silhouette. Ihre helle Stimme, die dünnen Glieder und wunderbar großen Augen – eine schönere Frau gab es für ihn nicht. ‘Wie alt bist du jetzt?‘, fragte Willi das Mädchen fast ungeduldig. ‘Heute bin ich acht geworden‘, antwortete sie keck und grinste dabei. ‘Und du?‘, konterte sie. ‚49‘, sagte er ruhig. ‘Noch älter als Papa.‘ ‘Ja, noch älter als Papa.‘

‘Willi? Bist du Zuhause?‘, rief eine Frauenstimme am Fenster und holte ihn aus seinen Gedanken. Er sprang aus seinem Sessel, schob das Kuscheltier darunter und ging zur Tür. ‘Silke, geht’s dir nicht gut?‘, fragte Willi ernsthaft besorgt. ‘Er hat es wieder gesagt.‘ Einen Moment war es still. ‘Komm erst mal rein.‘ ‘Danke.‘ Sie setzte sich in seinen Ohrensessel mit Blick auf das blau beleuchtete Aquarium. Er wollte Einspruch erheben, sah aber dass sie geweint hatte und beließ es dabei. ‘Ich mach uns mal einen Tee‘, sagte Willi und verschwand in der Küche. ‘Emma wäre heute 18 geworden. Ich glaube, er hat es vergessen‘, sprach Silke, wie zu den Fischen. Jetzt bemerkte auch sie die Abwesenheit, die in ihrer Stimme lag.  Wie in Trance lauschte sie dem brodelnden Geräusch des Wasserkochers, das aus der Küche drang. Beim Eingießen traf ein Spritzer kochend heißen Wassers Willis Handrücken. Er schrie vor Schmerz auf. ‘Alles in Ordnung?‘, wollte Silke wissen. ‘Nur eine verzwickte Kleinigkeit‘, Willi war jetzt schon damit beschäftigt, die verworrenen Bänder der Teebeutel auseinander zu fädeln und brachte anschließend zwei Tassen Pfefferminztee ins Wohnzimmer.

‘Weißt du, Willi, das Allerschlimmste ist, dass das Herz nicht vergisst. Es erinnert mich unerbittlich. Es ist grausam, wie ordentlich es mir immer wieder alles ins Gedächtnis ruft.‘ Sie pausierte. ‘Ich hatte ihr extra noch die Haare geflochten und Herrn Mauz  frisch gewaschen, damit sie auf ihrer Feier hübsch aussieht. Dann ist Emma zum Spielen vor die Tür gegangen und kam einfach nicht mehr zurück‘, ein tiefer Schluchzer entfuhr Silke. Jetzt konnte sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Nach all den Jahren. Willi setzte sich auf die Kante des Ohrensessels, legte ihr mitfühlend die Hand auf die Schulter und sagte erst einmal nichts. ‘Kann ich noch ein bisschen hier sitzen bleiben?‘ ‘Solange du willst, Silke.‘ Jetzt weinte und schluchzte sie so heftig, als könnte sie niemand anderes hören. Als wären Willis Wände eine Art  Kokon, der ihr erlaubte, sich abzuregen, ohne ihre Ehe zu gefährden. Tränen bahnten sich ihren Weg durch die Linien, die über die Jahre zu tiefen Falten in ihrem Gesicht geworden waren. Erst als sie bemerkte, wie sehr ihre Nase lief und sich dafür schämte, beruhigte sie sich allmählich wieder. ‘Zehn Jahre, Willi. Seit zehn Jahren sitze ich regelmäßig bei dir im Wohnzimmer, starre deine Fische an und beweine mein verschwundenes Kind. Neulich habe ich von Emma geträumt, als ich aufwachte und sie nicht da war, hat mich der Phantomschmerz fast umgebracht. Wahrscheinlich hätte ich ohne dich aufgegeben. Wäre einfach in der Dunkelheit im Nachthemd in den Feuerwehrteich gestiegen und am Morgen gefunden worden.‘ ‘Sag doch sowas nicht‘, stammelte Willi empört.

‘Los, fang schon an!‘, sagte Willi auffordernd und um sich ein bisschen abzulenken. ‘Nicht heute.‘ ‘Gerade heute‘, Willi bestand darauf. ‘Gut. Emma ist Teil eines Archäologenteams, das in Ägypten Mumien und Sarkophage ausgräbt. Sie plant bald nach Hause zu kommen.‘ ‘Dafür ist sie zu hübsch gewesen‘, widersprach Willi: ‘Ich sage, sie modelt irgendwo in Dubai, ist mit einem persischen Schah verlobt und lebt in Saus und Braus.‘ ‘Vielleicht ist sie auf einer Farm in den Bergen Montanas und macht Dressurreiten, nur nebenbei, einfach aus Spaß?‘, fragte sich Silke und schmunzelte ein wenig. Und so malten sich beide noch eine Weile aus, wie Emma erwachsen geworden war, in einem guten Elternhaus, mit vielen Freunden, wie sie ihre erste Liebe erfuhr und mit den ersten Enttäuschungen zu kämpfen hatte. Die Absurdität des Gesagten vertrieb kurz die Unsicherheit und Ruhelosigkeit, die seit Emmas Verschwinden auf Silke lasteten.

‘Schuld‘, dachte Willi, ‘ist wie eine selbstgesetzte Brandmarke, deren Schmerz sich bis ins Mark zieht, wenn der Reiz nur groß genug ist.‘ Er ekelte sich, wie so oft in Silkes Gegenwart, vor sich selbst.

‘Möchtest du Zucker in deinen Tee?‘ ‘Bitte.‘ Willi griff mit einer kleinen Zange einen Würfel aus der Porzellan-Dose. Gerade als er ihn in ihren Tee fallen lassen wollte, stieß Silke plötzlich hervor: ‘Überleg mal, ich könnte sogar schon Oma sein?‘ Der Ablenkung geschuldet, verloren seine Fingerspitzen die Spannung und das Stückchen glitt durch die Griffe der Zange. Der Zuckerwürfel kullerte über die Auslegeware und rollte holprig unter den Ohrensessel. Niiiiiicht‘, entfuhr es Willi, doch Silkes schmale Finger ertasteten bereits eine kleine, zarte  Plüschpfote.

(Vorgegeben waren ‘blaues Schleifenband‘, ‘verzwickt‘ und das Wort ‘Miezekatze‘.)

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