Die Identität

Es muss später Morgen gewesen sein. So genau wusste es Jackie nicht mehr. Sie saß am Tresen, vor ihrem halb ausgetrunkenen Glas Milch und starrte abwesend in die Tiefen der leeren Kneipe. Der Barkeeper hatte vor einer Weile das letzte Glas poliert, es neben den anderen im Regal aufgereiht und war hinausgegangen, um den Hund zu füttern. Jackie kauerte unverändert auf dem Barhocker, schien aber im Inbegriff endlich aufzustehen. Neben dem Stuhlbein stand ein angeschmutzter Rucksack. Der Eile, mit der er gepackt worden war, geschuldet, hing aus dessen Klappe ein blauer Pulloverärmel.

Jackie saß nicht zum ersten Mal für Stunden auf genau demselben Platz, in derselben Bar und rang mit derselben Entscheidung. Vor ein paar Wochen war sie neunzehn geworden, hatte den Tag mit ein paar Verwandten und ein paar Bier in Darringhton’s Bowling Center gefeiert und war morgens zu ihrem Halbtagsjob bei der Post zurückgekehrt. Dann sortierte sie wieder Briefe. Betrachtete im Augenwinkel die unzähligen Handschriften: die alten, die jungen, die sauberen und die verwischten. So zogen jeden Tag sechs Stunden ihres Lebens einfach so an ihr vorbei. Weder ärgerte sich Jackie darüber, noch war sie sonderlich zufrieden mit dem, was sie tat; sie empfand einfach nichts.

Viele ihrer Klassenkameraden waren schon Mütter und Väter geworden und hatten, wie aus Gewohnheit, vorher ihre Jugendliebe geheiratet. Sie wohnten in einstöckigen Flachbauten, strichen am Wochenende ihre Zäune, wuschen das Auto oder trafen sich, mit Zigarette im Mundwinkel, an der nächsten Straßenecke und tratschten über Darringhton’s Einwohner. Jackie hatte nie zu ihnen gehört. Weder war sie das hübsche Mädchen von nebenan, nach dem sich die pubertierenden Jungen ihres Jahrgangs sehnten, noch war sie erklärte Außenseiterin. Ihr Problem hatte immer in ihrer Mittelmäßigkeit gelegen. Sie hatte sich ein paar Mal verliebt, hatte den entscheidenden Moment dann aber doch ziehen lassen. Einfach ausbrechen, eines Tages vielleicht, dachte sie.

Jackie rutschte auf dem Hocker auf und ab. Unrast trieb sie an. In ihrer Hand hielt sie einen geöffneten Brief. Heute vor fast einem Jahr hatte sie ihn in ihre Kästen eingeordnet. #Edward Richardson, 112 Blankstreet, LA, USA stand an der Stelle des Absenders. Adressiert war der Brief an Andrea Kean. Ein mageres Mädchen, das Jackie flüchtig vom Namensschild her kannte, weil sie jahrelang an der Tankstelle gearbeitet hatte und ihr ohne Weiteres Zigaretten verkaufte.

Der Brief war nicht zustellbar und zu schlecht frankiert gewesen, um ihn zurückzuschicken. Er wurde mit anderen, der Formalitäten halber, in einem Schuhkarton unter dem Counter aufbewahrt. Als Jackie eines Nachmittages früher Schluss hatte und einen anderen Heimweg als den gewohnten nahm, trieb sie die Neugierde an der 49 Fleetstreet vorbei, Andreas Adresse. Einzig die zugezogenen Gardinen weckten Jackies Aufmerksamkeit. Wie um einer unausgesprochenen Vermutung nachzugehen, verlängerte sie ihren Nachhauseweg um eine Abbiegung auf Darringhton’s kleinen Friedhof. Es gab nur wenige Gräber, weil die meisten Familien ihre Angehörigen lieber in Urnen auf dem heimischen Kaminsims ruhen ließen. Wenige Schritte von der Eingangspforte entfernt und umringt von neugesähtem Gras, trug eine kleine Steinplatte Andrea Kean’s Namen.

Unter einem Vorwand lief Jackie zurück ins Postgebäude. Ihre Kollegen waren gerade dabei zu schließen. Sie durchwühlte die Schuhbox mit den nicht zustellbaren Briefen und zog Edwards Exemplar hinaus. Wie ein kleines Heiligtum schleuste sie den verschlossenen Brief in ihrer Jackeninnentasche nach Hause. In ihrem Jugendzimmer angekommen, schleuderte sie ihren Rucksack in die Ecke, warf sich aufs Bett und begann zu lesen:

‚Liebe Andrea,

ich weiß nichts über dich. Leider kannte ich deine Mutter nicht gut. Vor ihrem Selbstmord hat sie mir deine Adresse geschickt. Ich habe lange gebraucht dir zu schreiben. Ich meine, ich wusste ja nicht, dass es dich gibt. Mein Name ist Edward und ich bin dein leiblicher Vater und möchte, dass du mich besuchen kommst. Den meisten gefällt es hier. Ich wohne in der 112 Blankstreet in Los Angeles. Im Umschlag liegt ein Flugticket. Es ist genau ein Jahr gültig…‘

Hier hatte Jackie stets zu lesen aufgehört und das Grübeln begonnen – auf diesem Barhocker, bis in die Morgenstunden, Monat für Monat. Fünf Tage blieben ihr noch bis das Ticket verfiel. Noch könnte sie Edward sagen, sie hätte aus Unentschlossenheit gezögert, und sei deshalb erst so spät gekommen. Es wäre nicht einmal gelogen gewesen. Doch konnte sie Andrea sein? Wollte sie es? Eine Tote um ihre Identität betrügen? Was war mit ihrer Familie? Sie mochte sie, irgendwie. Jackie fragte sich, ob das zu opfern, was man hat, ein zu hoher Einsatz für einen Neuanfang war? Reichte ein neuer Ort, um ihre Mittelmäßigkeit zu überkommen? Oder herrschte das eigene Naturell über die äußeren Umstände? Wäre sie waghalsiger oder eigenbrödlerischer? Würde sie sich stärker schminken, die richtige Musik mit den richtigen Leuten hören, das richtige Hobby finden um den richtigen Typen zu beeindrucken? In Gedanken hatte sie sich schon hunderte neue Fassungen ihrerselbst zurechtgedacht – und dann wieder verworfen. Woher weiß man, wer man ist?, Wie legt man fest, wer man sein will?, dachte Jackie angestrengt.

Sie rutschte langsam vom Hocker, ihre rechte Hand griff nach dem Rucksackträger. Ziellos schritt sie durch die Tür ins Tageslicht. Sie konnte nicht mehr warten, nicht mehr zögern. Kein einziges Glas Milch in dieser Kleinstadtspilunke mehr ihre Kehle runterstürzen, in der Hoffnung eine Entscheidung zu fassen. Sie wollte den Willen finden sich zu entscheiden. Die Lethargie endlich abschütteln. Dann geschah etwas so simples, wie schwerwiegendes. Sie zwang sich nicht mehr nachzudenken. Die Sohlen ihrer Turnschuhe schritten über das Pflaster des Bürgersteiges. ‚Jackie!‘, rief eine Stimme von der anderen Straßenseite hinüber. ‚Jackie, hier drüben!‘ – sie überhörte die Rufe und ging Richtung Busbahnhof. Am Schalter fragte ein uniformierter Mann in desinteressierter Stimmlage:

‚Auf welchen Namen soll ich das Ticket buchen?‘

Mit klarer Stimme sagte sie: ‚Mein Name ist Andrea Kean.‘

(Die Geschichte wurde aus den Worten ‚leere Kneipe‘, ‚Unrast trieb sie an‘ und ’später Morgen‘ gesponnen.)

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