Die beiden Anderen

Auf der Suche nach Parallelen: Brunnenstraße 65 - denn die 67 war unauffindbar. Fangnetze, ja. Primeln, nein.

Auf der Suche nach Parallelen: Brunnenstraße 65 – denn die 67 war unauffindbar. Fangnetze, ja. Primeln, nein.

‚Stell dir vor, du stirbst, und niemand kommt um nach dir zu suchen?‘, dachte Mia erschüttert und drehte den Wasserhahn zu. Ihre nackten Fußsohlen senkten sich seicht auf den Grund der Badewanne. Sie ließ ihren schweren Körper untertauchen, bis die Snakebites ihrer Unterlippe auf die Wasseroberfläche trafen. Dann brachten die salzigen Tränen die bunten Schaumbadbläschen an ihrem Kiefer zum Zerplatzen.

An einigen Tagen tauchte Mia einfach unter. Ging morgens eine Runde um den Block anstatt in die Schule, bis sich ihre Mutter ganz sicher auf den Weg zur Arbeit gemacht hatte. Dann hatte sie die Zwei-Zimmer-Wohnung in der Brunnenstraße auf einmal ganz für sich allein. Sie schlüpfte aus den engen Röhrenjeans, die ihre Oberschenkel in Falten zwangen, schmiss den weiten Pulli auf ihr Bett und verschanzte sich im Bad. Jetzt konnte nichts mehr passieren. Sie sehnte sich nach dem warmen Wasser der Badewanne, wenn ihr alles zu viel wurde. Ein unerklärliches aber unverrückbares Bedürfnis, das zu einer Gewohnheit geworden war.

Im Erdgeschoss der Brunnenstraße 67 goss Herr Haselmann jeden Morgen zur gleichen Zeit seine Primel-Blumenkästen. An sonnigen Tagen strich er behutsam über die neuen, hellgrünen Triebe und raunte  Komplimente in deren Richtung. Dann richtete er das Fangnetz vor seinem Balkon so, dass Felix, seinem getigerten Kater, keine erneute Chance zu außerhäuslichen Erkundungen gegeben wurde. Die Freigänger-Katze hatte den letzten Ausflug mit einem Stück Schwanz bezahlt. Geblieben war nur ein kümmerlicher Stummel, der Felix‘ After ungünstig ins Rampenlicht setzte. Herr Haselmann nahm an seinem runden Gartentisch, mit der geblümten Tischdecke, Platz, trank einen Schluck türkischen Kaffee und schaute auf die Straße hinaus. ‚Dieses Mädchen ist doch gerade erst gegangen ‘, murmelte er. ‚Die hat doch Schule‘, dachte er fast fürsorglich, und zupfte sich nebenbei ein Katzenhaar von der Strickjacke. Dann pflegte er mit der ritualisierten Lektüre der Morgenzeitung zu beginnen und gleichzeitig den Kater zu kraulen.

Es war zehn Uhr morgens als der Blick aus Mias glasigen Augen auf die beschlagene Fläche des Spiegels traf. Mit einer hastigen Handbewegung wischte sie einen Spalt auf dem Glas frei, der nur ihre blauen Augen hindurchblitzen ließ. Sie badete stets so, dass ihr Make-up unangetastet blieb. Der starke Lidstrich, der Kajal, selbst der graue Lidschatten – alles noch intakt. Ihr Blick intensivierte sich noch. Sie starte auf ihre Pupillen und den Lichtkreis, der die Iriden umrandete. ‚Ich. Bin. Hübsch‘, flüsterte sie Wort für Wort. Dann zogen ihre Fingerspitzen säuberlich, von oben nach unten, zarte Linien auf dem Spiegelglas. Der Ansatz ihrer schwarz gefärbten Haare kam zum Vorschein, ihre breiten Nasenflügel und die Falte ihres Doppelkinns. Die kurz empfundene Euphorie wich Enttäuschung. An sich herunterschauen wollte sie heute nicht – stattdessen griffen ihre Finger beherzt in die große Falte ihres Bauchs und drückten auf ihr herum, als wäre sie kein Teil von ihr. Auch die Waage von ihren Staubflocken zu befreien, um eine konkrete Zahl vor Augen zu haben, gegen die sie den Tag über anessen konnte, schien ihr jetzt zu mühsam. Bevor sie das Bad verließ, kontrollierte sie, dass die Klinge ihres Hornhauthobels noch da war. Nicht, dass sie sich umbringen wollte, sie mochte nur die Sicherheit, dass sie es konnte, wenn sie es vorgehabt hätte. So wie Leute, die immer die Adresse des nahegelegensten Tätowierers kannten und sich im Fall der Fälle auf geometrische Formen oder auf um einen Anker geschwungenen Hibiskus als Motiv einigen konnten.

Gegen 12 Uhr mittags schritt Herr Haselmann in die kleine Küchenzeile um sich ein Brot zu machen. Seit Marie vor ein paar Jahren gestorben war, hatte er nie den Elan gefunden, für sich selbst zu kochen. Es zumindest zu lernen. Und so kaute er Toast mit Teewurst ohne Rand – ungeschickt garniert mit dicken Senfgurken.

Eine Etage über ihm schlurfte Mia, immer noch im Bademantel, in die Küche. Das von ihrer Mutter besorgte Mikrowellenessen ließ sie im Klo verschwinden und schmiss die Plastikverpackung in den Grünen Punkt. Dann griff sie zu Eiern, frischem Schnittlauch, Pilzen und Speck und bereitete sich, auf derselben Sorte Toast wie Herr Haselmann sie nutze, ein vorzeigbares Frühstück zu. Die Grenze zwischen Genuss und Muss hatte sich bei Mia schon vor Jahren verschoben: Als Worte wie ‚mollig‘ und ‚rund‘ selbst von Verwandten nicht mehr niedlich gemeint waren. Hatte sie sich im Griff, konnte ihr das Kochen Abhilfe schaffen. An anderen Tagen fraß sie, bis sie brechen musste.

Abends wollte sie für ihre Mutter, die müde aus dem Büro zurückkommen würde, eine Quiche zubereiten – Schule schwänzen machte ihr immer noch ein schlechtes Gewissen. Eier, Zwiebeln, Teig, Creme Fraîche, Schinken und Lauch hatte sie aus den Schalen der Regale schon auf dem Küchentisch versammelt. Dann fiel ihr auf, dass sie mit den letzten Salzkrümeln ihre Eier gewürzt hatte. Geld ließ ihre Mutter nicht mehr da. Denn seit Mia die Schule mied und sie die Nachricht des Klassenlehrers nicht rechtzeitig vom Anrufbeantworter gelöscht hatte, vertraute ihre Mutter ihr weniger als zuvor. Dann fiel ihr der alte Rentner unter ihnen ein, der immer an den Blumen rummachte, wenn sie auf ihrem verfrühten Nachhauseweg war.

‚Felix, gleich, jetzt, lass mich doch erst mal…‘, das Klingeln der Haustür unterbrach den Fütterungsprozess von Herrn Haselmanns wohlgenährtem Kater, der sich trotz seines Umfangs wie eine Schlange durch die Beine des alten Mannes ringelte. Stolpernd bahnte sich der Hausherr den Weg durch die Wohnung. Es klingelte erneut.  ‚Ich komme ja schon‘, rief er gehetzt. Vor ihm stand das dicke Mädchen, das seinen Augen schon vertraut war. ‚Guten Tag. Haben sie Salz?‘, fragte Mia und tippelte mit ihren Füßen auf und ab. ‚Bestimmt‘, sagte er kurz angebunden und bat sie in die Wohnung. ‚Setzen sie sich doch kurz hin, ich muss das Salz erst suchen. Meine Frau hatte es immer ganz hinten im Schrank. Salz ist ja auch nicht so gesund. Wir haben keins mehr benutzt…‘. Herr Haselmanns Stimme verlor sich in der Küche. Er stammelte nervös vor sich hin, weil er seit Jahren keinen Besuch mehr gehabt hatte. Die Wohnung war nicht unordentlich, nur eingestaubt – und unverändert.

Mia nahm auf der eingesessenen Polstercoach Platz und spürte, dass die Ausmaße ihres Pos über die eingedrückte Kuhle hinausgingen. In einem Körbchen neben dem Tischbein lagen Wollknäule und ein angefangenes Strickstück in dunkelblau. Ein abgegriffener Liebesroman lag auch darin. In der Schrankwand standen große Bilderrahmen mit ein und derselben Frau: Hochzeitsbilder, Strandschnappschüsse, sogar eine Safari hatten die beiden unternommen. Viele glückliche Momente – aber nirgends die typischen Zeitraffer-Aufnahmen von Kindern die langsam zu Erwachsenen wurden. Mit einem Satz sprang Felix auf Mias Schoß und bestand prompt auf Streicheleinheiten. Auf ihren kräftigen Schenkeln rollte sich der freche Kater auf und ab und genoss die Bewegungen auf seinem Fell.

‚Felix – nicht bei Besuch!‘, versuchte Herr Haselmann den Kater zu disziplinieren.

‚Es geht schon. Er tut ja nichts. Was hat er am Schwanz?‘, wollte Mia wissen.

‚Den muss er sich irgendwo eingeklemmt haben, er kam zumindest ohne ihn zurück. Dafür musste er bestimmt eines seiner Leben lassen‘, sagte Herr Haselmann und schmunzelte dabei.

‚Ich glaub ja nicht, dass Katzen viele Leben haben‘, konterte Mia spöttisch.

Herr Haselmann setzte sich in den Ohrensessel und schob die Brille etwas höher auf seinen Nasenrücken: ‚Warum nicht? Wir Menschen haben doch auch mehrere Leben?‘`

‚Wenn wir Unfälle überleben, meinen Sie?

‚Du musst nicht ‚Sie‘ sagen. Ich heiße Harald. Und ja, nicht nur das. Wenn wir neu beginnen. Wenn wir uns wieder aufrichten. Wenn wir Luft holen, obwohl sich alles nach Ertrinken angefühlt hat‘, sagte er ruhig.

‚Das Gefühl zu ertrinken kenne ich gut‘, sagte Mia in sich gekehrt.

‚Als meine Frau Marie gestorben ist, wollte ich mitsterben. Ich habe es versucht – aber ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass ich Felix dann verhungern lassen würde. Der verdammte Kater. Nach seinem Unfall wollte ich auch nicht einfach die Wohnungstür offen lassen. Also habe ich FÜR Felix gelebt. Mit ihm gesprochen, ihn umsorgt. Das war und ist mein viertes Leben‘.

‚Ihr viertes? Jetzt übertreiben sie‘.

‚Zuerst hat mich Marie gerettet. In jeder Hinsicht. Hat mich aufgehoben, aufgerichtet; wie du es nennen willst. Hat mein Leben sinnhaft gemacht und mir eine Aufgabe jenseits von Arbeit und Pflicht gegeben. Das war mein zweites Leben, das Schönste von allen.‘

‚Sie sagten vier Leben.‘

‚Nach ihrer Diagnose,  hat mich Marie das Kämpfen gelehrt. Bis zum Schluss‘, auf einmal sah Herr Haselmann älter aus als vorher – Mia konnte spüren, wie sehr die Trauer noch in ihm verhaftet war. Felix hatte auf ihrem Schoss zu schnarchen begonnen.

‚Wieso gehst du nicht mehr zur Schule?‘, wollte Herr Haselmann wissen.

‚Ich geh doch zur…‘, sie hielt inne, wollte einmal nicht lügen müssen, ‚… Facebook… die Kommentare unter meinem Profilbild. Das Lästern in den Pausen. Ob ich in der Schule oder Zuhause alleine bin, spielt doch keine Rolle‘.

‚Du bist gerade nicht alleine.

Ach ja, ich habe übrigens kein Salz mehr. Vielleicht hat Marie doch heimlich Salz ins Essen getan‘.

Die Vorstellung, dass eine Frau um die Sechzig das Essen ihres Mannes salzt und der aus blindem Vertrauen jahrelang annimmt, es wäre nüchtern, ließ Mia einen Mundwinkel hochziehen.

‚Luder‘, murmelte Harald abwesend und folgte Mias Geste. Zeitgleich entwich dem Kater ein vergleichsweise geruchsarmer aber lautstarker Pups.

‚Das sagt doch heute keiner mehr‘, entfuhr es Mia; jetzt musste sie nicht nur über seinen Ausdruck glucksen.

‚Oh‘, erschrak sich Harald und war wie angesteckt von Mias Lachen.

Wachgerüttelt von Mias heftigem Lachanfall über den Katerpups, sprang Felix auf und suchte sich einen ruhigeren Ort auf der Coach.

‚Harald‘, fragte sie schüchtern, ‚wollen du und Felix heute Abend vielleicht hoch zum Essen kommen? Es gibt Quiche.‘ Mia war selbst überrascht über ihre Frage. Und noch erstaunter, als sie hinzufügte: ‚Ich könnte auch ein neues Leben gebrauchen.‘

Herr Haselmann nickte dankbar.

‚Wir können es bestimmt einrichten – aber vorher müssen wir noch das Salz besorgen.‘

Der erste Blog-Leser hat mir Worte geschenkt! Vielen Dank dafür. Entschuldige die lange Wartezeit – ich war beruflich im Ausland und stark eingespannt. Die fabelhaften Begriffe lauteten wie folgt: ‚Senfgurken‘, ‚Katzenhaar‘ und ‚Hornhauthobel‘. Viel Vergnügen bei der Lektüre!  

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